Die Kunst des Samplings

17 Aug

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Oliver Prechtl „Ritornell“

PLP

Eine musikalische Architektur der Zerbröselung*

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Wehe uns, die einen Abstand zu unserer so maßlos überhitzten Welt suchen! Wehe dem Künstler, der im Kochkessel unserer Reizneurosen nicht mitbaden will! Eine gähnende Langeweile, vor der alle Welt panische Angst zu haben scheint, droht auch seine Kunst zu verschlingen. Und tatsächlich: Was soll der Künstler jetzt – da arbeitslos – machen? Ist er etwa frei geworden, darf er jetzt tun, was er will? Das kann nicht sein, das klingt irgendwie viel zu einfach, ja ein bisschen pubertär, und es hört sich irgendwie altbacken an – hat man nicht schon unzählige Male vergeblich die Welt verlassen (wollen)? Trotzdem – Langeweile als Schicksal? Wie eine kunstvolle Tarnkappe thront sie über unserer senilen Kindsköpfigkeit, mit der wir dem Klang der Welt lauschen. Denn allein aus der Perspektive eines Gähnenden scheint alles noch »interessant«, »spannend«, »aufregend«, gar möglich zu sein.

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Es ist das »postmoderne« – ja, diesen Begriff haben wir lange nicht mehr gehört – Spiel mit Identitäten, das uns den Spaß am Kunstspiel verdorben hat. Aussuchen, ausschneiden, kombinieren, montieren, festkleben. Spielen und das Neue provozieren. Es ist eine ausgefeilte, feingetunte Wahrnehmungsmechanik, mit der wir immerwährend »neue« Bedeutungen aus dem Inventar unserer müden Kultur herauszureizen versuchen. … Freilich, mit diesem artistischen Kunstspiel wird nicht mehr eine verkrustete Weltanschauung herausgefordert – denn längst leben wir in einer rastlosen, von Handlungsdurst geplagten what‘s-next?-Kultur (1) –, sondern, neben unserer Geduld, höchstens noch unsere Ausdau- er, mit der wir unsere Spielgelüste verzweifelt vom Gewöhnlichen abzugrenzen suchen. In Wirklichkeit wissen wir nicht, was wir machen. Denn wir haben die Fähigkeit eingebüßt, das Spiel von der Notwendigkeit in unserer Kunst zu unterscheiden. Wollen wir spielen, rätseln wir, ob unsere Kunst gesellschaftlich relevant sei, denn der Künstler ahnt, dass das Spiel ohne das Bedürfnis einer »Botschaft«, die es »notwendig« macht, eine Sackgasse ist. Machen wir Kunst oder haben wir bloß Angst vor dem gähnenden Ra- chen der Langeweile? Basteln und werkeln wir an unseren Werken bloß, weil wir gerade nichts Besseres zu tun haben?

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»Die Mode ist jeder Vergangenheit Zeitgenosse.« (2)

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Die Collage ist das älteste Spiel mit den Identitäten der Dinge. In ihr wird das aus Altem frisch gebastelte »Neue«, das bekanntlich das Knochengerüst der Mode ist, tatsächlich jeder Vergangenheit Zeitgenosse. Kunstvolle Kontextverschiebungen, Verzerrungen; in- einander kopierte Stimmungen, Stimmen, Bilder, Klänge verwan- deln sich mit der Technik der Collage in wundersame Aussagen, die Teil einer scheinbar unendlichen, neuartigen, alles versprechenden Deutungskombinatorik wurden. Wie wir wissen, schien die Welt dadurch von einer bleiernen Eindeutigkeit zunächst tat- sächlich befreit zu werden. Erinnern wir uns nur der Meisterwerke der Malerei oder der Filmkunst (z. B. von Picasso oder Joseph Cornell)! Bekanntlich ist die letze Stufe derartiger »Befreiung« – wenn alle Puzzlebilder der Collagekunst durchmischt und sämtliche Deutungsrechte veräußert sind – die Beliebigkeit. »Es steht nicht mehr ein ganzer Mensch einer ganzen Welt gegenüber, sondern ein menschliches Etwas bewegt sich in einer allgemeinen Nährflüssigkeit.« (3) Sampling ist somit nicht nur die weitverbreitete und von Künstlern und Musikenthusiasten bevorzugte Arbeitsmethode, sondern längst unser Schicksal geworden. So nimmt die Collagekunst, die unaufhörlich um das »Neue« würfeln muss, an dem Lebenden die Rechte der Leiche wahr. (4)

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Und jetzt?

»We defy augury.« (5)

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Auch die hier versammelten Collagestücke recyceln die fossile Energie einer Klangwelt, die unter dem ungeheueren Druck einer morbiden Belanglosigkeit der modernen Welt zu einer »allgemeinen Nährflüssigkeit« gepresst wurde. Oliver Prechtl, der stille Held unserer kleinen gesellschaftskritischen Erzählung, versucht aller- dings mithilfe einer geschulten künstlerischen Dringlichkeit, eine umgekehrte Richtung einzuschlagen: Und tatsächlich – aus dem fossilen Energiebrei von Musik, Klang, Stimme … entstehen wieder »feste« Klangkörper. Das Wundersame dieser Kunst ist, dass sie ihre solide, voluminöse Klangplastik paradoxerweise mit der Technik einer musikalischen Zerbröselung modelliert! Es ist eine theatralische, komödiantische, manchmal paranoide, an die Szenen einer filmischen Verfolgungsjagd erinnernde und manchmal melancholisch in klaustrophobische Stimmungen einer kupferwarmen Erinnerung verwebte Verfremdung des Materials, die hier am Werk ist. Die musikalischen Festkörper bilden sich aus den Ahnungen eines organischen Wachstumsprozesses, der die Tarnkappe der Langeweile – die Überraschung kann nicht größer sein – durch ein kunstvolles, artistisches Gähngeräusch zum Verschwinden bringt.

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Sampling als Schicksal, die Notwendigkeit des Spielens und eine paradoxe Kunst, indem der Künstler zum Baumeister einer musikalischen Architektur der Zerbröselung ernannt wird.

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© Željko Božičević 2014

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Ritornell
Oliver Prechtl
Schallplattenproduktion 2015

Mastering: Ralv Milberg
Bild: „Privatweg“ von Maria Gideon
* Text Innenhülle: Željko Božičević
Lektorat: Marion Schäuble
Grafische Gestaltung: Volker Kühn
Konzeption und Produktion: Oliver Prechtl

Im Internet: Klangprofile

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1) Vergleiche Željko Božičević, Die Kunst des unbeschwerten Entsagens, Stuttgart 2013, S. 50. 2) Walter Benjamin, Das Passagen-Werk, Frankfurt am Main 1982, S. 1243. 3) Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, Hamburg 1952, S. 217. 4) Bei Benjamin [ebd., Band V-1, S. 51] ist es die Mode: »An dem Lebenden nimmt sie die Rechte der Leiche wahr«. 5) William Shakespeare, Hamlet, London 1996, S. 195.

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Reisetheater

19 Jul

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Punat, Rijeka, Ljubljana, Salzburg, Stuttgart. Die Reise als wundersame Raumfaltungen eines bühnenlosen Tanztheaters. Die bunten Menschenflüsse; mit schwerem Gepäck beladene Körperkolonnen aus durstigen Zeitjägern. Malzige Luft, Bruthitze. Durch den zähen Kupferteig des Sommers schmelzen die blechernen Raupenleiber des Fernverkehrs fortlaufend dahin; unwiderruflich verschwinden sie vor unseren Augen in die zentralperspektivischen Einöden des Schienen- und Straßennetzes. Alles dreht sich in der scharfschattigen Tanzfantastik, wild wirbeln Dampfwolken aus der schwer atmenden Maschine des sommerlichen Reisetheaters:

Wir träumen, wir erinnern uns, wir sind dort, wo unsere Gedanken sind. Und selbst wenn sie uns Ruhe geben: Brav durchwandern unsere Körper Häfen, Bus- und Bahnhöfe, Taxistellen und Parkplätze; geduldig passieren sie Land- und Schnellstraßen, Viadukte, Brücken und Tunnels, ganz so, als ob sie heimlich, in ihrer animalischen Ehre verletzt, einen schlaflosen Traum vortäuschen wollten … Dann endlich sammeln sich die Raumsplitter der Aufmerksamkeit und man wird rechtzeitig wach, um nach Hause zu kommen:

Mit klebrigen Augen verfolgt der Heimreisende die breit gähnenden, in die tiefe Taubheit des glühenden Abendlichts versunkenen Straßenkreuzungen der Vororte mit ihren kubistisch verstellten Landschaften. Die verzerrten Würfelformen der unzähligen Kleinbetriebe, Verwaltungsgebäude, Produktionshallen und Umschlagrampen strecken sich am Gleisrand aus wie aus Versehen umgeworfene Pappschachteltürme. Eine bunte, herzlose Lebendigkeit aus tausenden unwiderruflich aufgeschnürter und jetzt überall herumliegender, schwerfällig gewordener Dringlichkeiten. Erst wenn der Zug wegen der großen Bauarbeiten auf der Strecke im Schritttempo fahren muss, ändert sich die Optik. Die Filmrolle der grauen Würfellandschaft bricht ab, und dem Betrachter zeigt sich die Fraktalpracht unzähliger Raumimprovisationen: Schuppen, Abstellräume, Überdachungen, Gestrüpphöfe, Wiesen- und Gartenreste, herumliegende Plastiktische und Bierbänke, enge Sackgassen und aufgegebene Wegabschnitte, die den architektonischen Narben der Industrie eine lustige Sinnlichkeit verleihen.

Dann endlich, mit unzähligen Treppengassen durchzogen: die vertraute Hügellandschaft der schwäbischen Hauptstadt.

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Und erst hier zeigen die unaufhörlichen Tanzdrehungen des sommerlichen Reisetheaters die gedankenabweisende Wirkung: Die Welt steht still, eingekapselt in der mürben Schale der städtischen Abgeschiedenheit! Der heimkehrende, nun hellwach gewordene Sprachspieler dreht sich dagegen weiter und wird unverhofft zum Avantgardetänzer! – zum raumfaltenden, dadaistischen Kunst-Derwisch, der den prächtigen Nonsens seines geliehenen Heimischseins mit der Entschiedenheit eines Gefängnisflüchtlings in die Tat umsetzen will.

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Alles wird wieder gut:

Die Choreografie der spätnachmittäglichen Schattenschrift und der matte Glanz der Baumkronen im städtischen Dunst des Hochsommers. Der Wind – eine offene Wunde im heißen Körper der gläsernen Luft; die Geräusche versinken im Klarharz der stummen Gluthitze und werden sofort übertönt, wie klanglose Träume eines tauben Bettlers.

Und alles ist schon gut.

Sogar die glühende Asphaltschale der schwäbischen Kesselstadt, deren eitrige Häuserleiber schwer auf dem feuchten Rücken der schwarzen Kellerluft liegen. Der Heimkehrende schaut jetzt alles mit anderen Augen an: die bleigrauen Tauben um die faulenden Lungen der überfüllten Mülleimer, die glühenden Knochen der arbeitslosen Kräne über den Flachdächern, die wie kunstvoll plastinierte Überreste einer unerbittlichen Wächtergarde aussehen. Selbst tot, scheinen sie einer vergessenen eisernen Tempelreligion zu dienen. … Metallisch glänzende Jalousien und frei atmende Balkonpflanzen in ihrer höhnischen Frische: Alles ist zugleich unwiderruflich krank und vergeblich gesund. »Ach«, möchte man laut aufseufzen, »die Stadt!« – und alles ist halb so schlimm – sie ist für den neugebackenen, tanzlustigen Kunst-Derwisch bloß eine flimmernde Fata Morgana eines weit hinter dem Horizont brennenden Theaterlagers; eine matte, folgenlose Traumregung auf der steinernen Warte des Sommers.

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Klangangeln

9 Jun

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Akkordeon, Gitarre, Kontrabass; ein Männer-Trio aus Bulgarien. Die Gesichter versteinert, die Augenbrauen hochgezogen, Pokerfaces. Einige Köpfe nicken im Rhythmus der Polka, der eine oder andere Hals reckt sich. Schultern geraten in Schwingung – tscha-tscha-tscha! Doch die meisten sind froh, als sie endlich Kleingeld in den Hut werfen und sich wieder ihrer Zeitung widmen können. Auch der Sprachspieler blättert schon weiter in seinem Buch. Doch das Ohr zwingt seine Augen, zur Seite zu blicken. Das Verstummen der Instrumente lässt das Gerausche und Geklirre im Lokal wie einen von einem Luftzug aufgewirbelten akustischen Staub klingen, der jetzt langsam wieder zu Boden sinkt. Die gesteigerte Aufmerksamkeit angelt nach weiteren Klangquellen: Ein prall aufgepumpter Ball schlägt mit aller Kraft gegen einen Gitterzaun und übertönt für einen kurzen Moment die Fülle metallener Geräusche vom Spielfeld, von denen jedes noch lange nachhallt und Assoziationen an die gewollte Kakofonie eines avantgardistischen Konzerts weckt.

Der Sportkäfig ist nicht das einzige Gerät für das experimentelle Klangangeln. Vor Ort – am Marienplatz in Stuttgart – befindet sich noch eine weitere, zwar pompös aggressive, aber dennoch raffinierte Klanganlage – der Heslacher Tunnel. Dieser raumfressende dunkle Schlund beschallt uns nicht mit Tönen, sondern prägt diese förmlich unseren Körpern auf. Das auseinanderströmende und wieder zusammengepresste Dröhnen noch weit entfernter Autos aus den verzweigten Tunnelröhren sammelt sich am Fuß des Berges zu einem kräftigen Frontalsturm auf den Resonanzkörper unserer Brusthöhle. In der Umgebung des Tunnels jedoch bleibt dieses Geräusch unbemerkt. Es umgeht die Ohrmuschel gänzlich und fließt, getränkt von ätzender Smog-Säure, restlos durch die weit geöffneten Nasenlöcher in die Atemwege und durch die Nebenhöhlen, und reizt erst hier, von dieser Seite, abebbend, – als der gruselige Abklang des giftigen städtischen Alltags – eher peripher das Trommelfell. (Kann man sich einen interessanteren Modulator für klangkünstlerische Interpretationen von Musik wünschen?!) An die Stelle des Ohrs, dem Beuysschen »Wahrnehmungsorgan für Plastik«, drängt sich hier die Nase; denn an dieser Stelle hört man die Architektur nicht, bevor man nicht ihre akustische Plastik »gerochen« hat. Die Plastik zeigt sich uns, umhüllt vom »Geruch« des Klangs, als ein eigenartiger Sinnesreiz olfaktorischer Taubheit. Und wirklich – ist es nicht der »Geruch« einer mit Klang beatmeten Taubheit, der so entsteht? … Mehr noch – ist nicht gerade dieser Geruch der Taubheit ein eingefangener synästhetischer Antikörper, mit dessen Hilfe sich das sonst affirmative Publikum akustischer Kunst vor den täglichen Frontalangriffen des großstädtischen Alltags schützt? … Ich setze mich in ein Lokal, nur einen Steinwurf vom Tunnel entfernt, schließe die Augen, fülle die Lungen und kneife die Nase zu. … Mit verschlossener Nase empfangen die Hohlräume der Ohren zunächst den Druck der vollen Lungen, das Trommelfell ist für einen Moment reglos, und erst dann formt es die Plastik des Raums. … Experimentelle Musik eignet sich bekanntlich besser zum Philosophieren als zum Zuhören. Der Sprachspieler pustet den trügerischen Geruch der Töne weg und öffnet die Augen – und hat schon neue Bittsteller der Straße vor der Nase! Wie nur haben sie ihn erschnüffelt?! Können sie Gedanken lesen? Woher taucht diese stimmlose Fraktion der Straßenschnorrer gerade jetzt – so passend! – auf, eine Person, die tut, als wäre sie taub?

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Deutsch-amerikanische Verhältnisse

28 Apr

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Die Sprachkaramelle

Im Lokal herrscht festliche Stimmung: Aus dem violett umkränzten Wolkenmeer fällt der erste Frühlingsregen. Auf dem trockenen Bürgersteig rollen die staubigen Regentropfen ineinander und bilden kleine Lachen. Auf der Straße scheint niemand überrascht zu sein, alle haben schon vorgesorgt, packen ihre Regenschirme aus der Tasche oder ziehen papierdünne Regenjacken an. Kinder in wasserdichten Overalls platschen von Regenlache zu Regenlache. Über die Stadt spannt sich ein Regenbogen. Dann stürmen von irgendwoher drei durchnässte Amerikaner in das Lokal: großgewachsen, breitschultrig. Von den wirr gekämmten Haaren tropft das Wasser, um die Schuhe dehnt sich eine unentschlossene, dunkle Wasserpfütze aus. Sie nehmen an einem kleinen Tisch in der Ecke Platz und machen ihn sogleich zum akustischen Zentrum des Lokals. Witze, Lacher, Handyfotos. Dann kommt der Kaffee und ein Gespräch beginnt.

Im Café wird währenddessen in aller Unschuld und mit fest verklebter Aufmerksamkeit gelauscht. Denn durch die Atemwege der Männer gurgelt der hypnotische Zauber der englischen Sprache. Die wohlbekannten Laute scheinen sich von einer klebrigen, harzigen Masse nicht lösen zu können. Sie dringt auch in unsere Ohren, wo sie weitergezogen und nachgekaut wird. Auch die Blicke wandern immer wieder zu der amerikanischen Gesellschaft. Wenn das Gurgeln höher ertönt, verzieht eine grauhaarige Dame mit Eulenaugen den Mund zu einem ironischen Lächeln und lässt ihr Buch sinken. Ein gekrümmter, grauhäutiger Lehrer muss die Nase putzen und kehrt danach nicht mehr zu seiner Zeitungslektüre zurück. Der Sprachspieler greift vergeblich nach seinem Skizzenbuch: Auch im gedankenabweisenden Linienkosmos ist keine Rettung zu finden.

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Im Staub rollende Regentropfen, Frühling und die einverleibte Konditionierung einer fest verklebten Aufmerksamkeit. Eine harzige Sprache, die aus gurgelnden amerikanischen Bronchien unerbittlich in unsere Ohren ausgeschieden wird. Vergeblich starren wir in Bücher und Zeitschriften, vergeblich bemühen wir uns um einen small talk – die Ohren kommen einfach nicht zur Ruhe. Denn wir wurden unser Leben lang auf das Amerikanische getrimmt und trainiert.

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Während seiner gesamten Jugendzeit hat der Sprachspieler – zusammen mit seiner ganzen Generation diese zähe amerikanische Sprachkaramelle vergnügt und aufmerksam geleckt und gelutscht. Nach jedem Kinobesuch hat man Sprachspiele mit dem Gurgel-Englisch veranstaltet und versucht, all diese verrückten, sympathischen Schreihälse und Jongleure der Popkultur, das heißt der amerikanischen »Unterhaltungsindustrie«, so gut wie möglich nachzuahmen. … Entertainment industry …! Die Tatsache, dass es eine solche Industrie – in Osteuropa das Synonym für Langeweile und Fließbandarbeit – überhaupt gab, war schon ungemein cool. … Ja, so waren die Zeiten.

Mittlerweile hat der erste Frühlingsregen aufgehört. Das golden und violett umkränzte Wolkenmeer hat sich ausgetobt und ist samt dem Regenbogen weitergezogen. Die amerikanische Tischgesellschaft steht auf und geht. Die graue Eule nimmt ihr Buch wieder in die Hand, der graubackige Lehrer blättert weiter in seiner Zeitung. Die breiten amerikanischen Schultern gehen allmählich im dichten, nassglänzenden Strom der Passanten unter. … Sind wir tatsächlich so gründlich amerikanisiert? Dem Sprachspieler tut die amerikanische Gesellschaft irgendwie leid, so wie es einem leid tut, wenn man entdeckt, dass das lustige Bilderbuch aus der Kindheit im Keller Schimmelflecken bekommen hat.

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2

Der Brief

Ähnlich muss es der Generation meiner kroatischen Großeltern ergangen sein. Für sie war die deutsche Sprache die in ihrer Jugend weithin verbreitete, kulturprägende »Bildungssprache«. Die deutsche Kultur galt ihnen als Vorbild und bedeutete für sie die Hoffnung auf ein »besseres Leben«. Heutzutage wird das Deutsche außerhalb des akademischen Fachbetriebs fast nur noch von Hotelangestellten und Touristikgastronomen gesprochen, die damit knallharte wirtschaftliche Interessen verfolgen – genau so, wie die in der Schweiz, in Deutschland oder Österreich lebenden Urenkel der vergreisten kroatischen Germanophilen. Selbst in den adriatischen Ferienorten wird die deutsche Sprache allmählich vom Tschechischen, Slowakischen und Ungarischen verdrängt (auch weil die deutschen Touristen meistens gut und gern Englisch sprechen). Überhaupt, die Zeiten der begeisterten Germanisten aus Zagreb vom Format eines Viktor Žmegač scheinen endgültig vorbei zu sein. … Deutsch-amerikanische Verhältnisse … – eine planetarische, beinahe bizarr erfolgreiche, zu wirtschaftlicher Bodenständigkeit verkommene Kultur hier, eine zu einer ungeheuren Militärinfrastruktur geschrumpfte Kulturmacht dort.

Dann wird alles allmählich klarer! – im Bewusstsein des Sprachspielers zeichnet sich eine Lösung für seine deutschen Freunde und ihre aus der Mode und aus der Übung gekommene Kultur ab. Alles lichtet sich und wird hurtig und ganz ohne Anstrengung aufgeschrieben, die Gedanken eilen – von einer seit Generationen angestauten Adaptionsenergie getrieben – wie von selbst zum Papier: Es gibt einen Ausweg, es gibt Hoffnung! Hier, liebe Freunde, lest die von eurem Sprachspieler verbriefte frohe Botschaft – lest seinen Brief und verbreitet ihn, denn er enthält die unverhoffte Lösung für euer Problem des Deutschseins!

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Der Stecknadelkoloss

26 Apr

1

Frankfurter Allee

Der volumenschwangere Platzhalter für eine klaustrophobische Leere

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Berlin. Café Tasso als zentralperspektivische Warte auf der Frankfurter Allee. Die straffgezogenen Fluchtlinien sind kunstvolle architektonische Gefängnisgitter, die den Blick gekonnt zu einer sanften Unfreiheit verführen. In Wirklichkeit ist der Betrachter im Käfig einer größenwahnsinnigen Chimäre gefangen, die weder Straße noch Schlucht ist.

Die Luft ist mit weißem Staub gepudert, der mächtige, fachmännisch begradigte Windfluss scheint mit dem Licht zu spielen, indem er die Schatten von der Straße immer wieder fortbläst. Die Schattenseiten der Häuser dagegen sind auf der weiträumigen Allee die einzig verlässlichen Volumenträger. Wenn sie in der Sonne liegen, wirken die üppigen Kachelfassaden der sozialistischen Paläste mit ihrem schönen, melancholischen Glanz viel zu unwirklich, um als Tragfläche dienen zu können. Nichtsdestotrotz strebt alles dahin, sich plastisch zu verwirklichen. Platzergreifend türmt sich alles ins Unermessliche; die wahnwitzige Stadt scheint hier, um jeden Preis größer, ja zwanghaft mächtiger sein zu müssen. Diese Raumbesessenheit wird von Gärungen eines abgestorbenen Wahnsinns getrieben, der von hier aus Jahrzehnte lang in alle Welt ausstrahlte und jetzt dazu verurteilt ist, als morbide touristische Attraktion unserer konsumistischen Belanglosigkeit die Stirn zu bieten. Selbst die leeren Zwischenräume sind grotesk verkrustete Volumenahnungen, die wie schwere Platzhalter für eine wandlose Klaustrophobie auf einen labilen Beobachter lauern. … Melancholie und Paranoia als kindsköpfige Baumeister einer mörderischen Selbstvergessenheit. … Man staunt, solange das Lächerliche noch eine gewisse Komik zu bieten hat.

Und trotzdem …,

trotz alledem breitet sich im Herz des Künstlers ein namenloses Mitleid aus: Es ist eine verborgene, in blinder Wut eingemauerte, blind gewordene jungfräuliche Schönheit, die uns von den Turmspitzen des gekachelten Raumkäfigs aus ihre traurigen Abschiedsgrüße sendet.

Aber Vorsicht!

Wir, die im Käfig des Sozialismus aufgewachsen sind, müssen hier achtgeben und gut aufpassen, um die Erinnerung an die Hoffnung der Jugend nicht restlos mit der hoffnungslosen Schönheit dieser blankpolierten Ruinen zu verwechseln. Denn allein ihre bodenlose Vergeblichkeit verleiht dieser Architektur die Würde einer verstümmelten Schönheit! Sie ist lediglich dazu da, um sich immerwährend von uns zu verabschieden.

Der letzte Blick gilt den Bäumen, deren schimmernde Laubwerke einen lautlosen Sklaventanz im summenden, stark befahrenen Windkanal vorführen.

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Der Raum aus bizarren Volumenahnungen, die den Wahrnehmungsapparat eines labilen Beobachters mit einer paranoiden Melancholie und einer klaustrophobischen Leere zu überfluten drohen. Das Herz wird zum ungewollten Platzhalter für die verkrustete Geometrie eines fachmännisch begradigten Formflusses, der das Auge zum Mündungskanal einer beklemmenden Angstneurose macht.

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Dann ist es so weit – ohne Vorwarnung wird der Betrachter plötzlich aus dem architektonischen Käfig entlassen. Allmählich, mit dem bedrückenden Gefühl einer aufgedrängten Freiheit, verlässt er die einäugige Geometrie der Straße und fängt an, sich eine andere Beschäftigung zu suchen. Einem labilen Beobachter allerdings, der hier meistens in Gestalt eines touristischen Stadtbesuchers auftritt, kann dies zum Verhängnis werden. Er hat hier nicht nur nichts mehr zu tun, er wird von einem breit gähnenden Nichts, das sich in ihm auftut und das eine bezugslose Nervosität herbeiführt, heimgesucht! – die Faszination weicht nun endgültig dem Unbehagen und legt dabei die Wunde einer anonymen Unsicherheit frei. Nach einer Weile ist er gezwungen, sich in das pittoreske Gassenlabyrinth des Friedrichshains zu retten, wo reihenweise kleine, gemütliche Cafés und sonderbare Kneipen auf ihn warten.

Der Sprachspieler dagegen hat es leicht. Er hat eine solide zeichnerische Beobachtungstechnik und widmet sich einfach den Baumkronen und Passanten. Eine dringliche, fingerkitzelnde Lust lässt ihn Dutzende Einzelblätter mit Porträts füllen: Radfahrer und auf die U-Bahn eilende Fahrgäste, die, sooft sie den Fuß auf die Straße setzen, sie schnellstmöglich zu verlassen trachten (die Einheimischen wissen allzu gut, dass dieser Ort eine nicht bewohnbare, tote Stadtprothese ist). Die einzige Gelegenheit, diese Menschen zu porträtieren, bietet sich, wenn sie am Straßenrand auf das Grün der Ampel warten.

Aber die aufgedrängte Freiheit ist zu billig, man kann sie unmöglich ohne Widerstand annehmen – der stolze Künstler will sich selbst befreien! Die größenwahnsinnige Chimäre, die zu dieser Stunde im nachmittäglichen Sonnengold badet, bietet reichlich Gelegenheit dazu. Die drahtigen, kopflosen Hälse der Straße ziehen mit ihrer gewaltigen Strichgrafik den Blick erneut auf sich, sodass der kampflustige Zeichner weiter staunen und weiter das schon hundertmal Wahrgenommene protokollieren muss. Ein manischer Durst nach Beobachtung muss sich des entflogenen Käfigs noch einmal vergewissern; noch einmal muss erlebt werden, wie sich die monströsen Glieder der Stadt in westlicher Richtung in das burleske Beiwerk einer großstädtischen Raummegalomanie verdichten und den Gipfel ihrer Albernheit im Stecknadelkoloss des Fernsehturms erreichen. Noch einmal muss man Zeuge sein, wie sich in der um einhundertachtzig Grad gewendeten Perspektive das Netzwerk der sich versteifenden Raumsehnen in einem verwaschenen Fluchtpunkt irgendwo unter dem flachen Himmel der Vororte zuspitzt … und den Betrachter schließlich zum Gähnen einlädt. Und spätestens hier muss er auflachen:

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Die protzige Tyrannei der Großformen hat keinen Bestand, sie wird immer nur von kurzer Dauer bleiben – zu dümmlich sind ihre kindsköpfigen Machtansprüche, zu belanglos ihre morbiden Lebensversprechungen. Man staunt, solange das Lächerliche noch eine gewisse Komik aufrechterhalten kann.

Dann darf der Zeichner wieder Kunst machen. Er widmet sich den säulenartigen Wolkenformen, die sich, wie eine Komödiantentruppe weiß gepuderter Bleiriesen, über die glänzende Keramik der glühenden Legostein-Fassaden lustig machen.

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Beauty and the Beast

Plastikkörbe und Kartons, Berge und Stapel; papierene Architekturmegalomanie der großstädtischen Müßiggänger. Im Café Tasso, das gleichzeitig ein Antiquariat ist, wird vor allem mit Klassikern gehandelt; Romane, Erzählungen, Künstlermonografien, Bücher über Musik, Geschichte, Politik und Wissenschaft. Stückpreis 1 Euro. Im westlichen Flügel der Papierfestung, wo Bücher über Medizin, Sport, gesunde Ernährung und richtigen Lebenswandel stehen, ist es dagegen einsam. Denn in diesem Lokal werden hauptsächlich Zigaretten und Kaffee konsumiert. Die Gäste sind zwei langbärtige Studenten und eine Sammlung betagter, rotbackiger Müßiggänger. … Ruinöse Schädel, gelbe Augäpfel, schiefe Zähne, im Mundwinkel eine leonardihaft lächelnde Schattenwolke. Dann taucht ein Literatenpärchen auf. Die Frau ist jung, der Mann über sechzig. Die Hand der Frau wandert mit einem Bleistift über ein Manuskript und kritzelt nervös Grafiken auf die Textränder. Ein Theaterstück? Die Frau erzählt, der Mann raucht ein Zigarillo und nickt. Immer wieder blicken sich die Leute unwillkürlich um und suchen die Quelle des süßlichen Zigarillogeschmacks. Ihre Gedanken sind gut lesbar: the Beauty and the Beast.

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Ein taubenweiches Doppelkinn unter den scharlachroten Lippen, stark behaarte, mit Krampfadern übersäte Backen. Unter dem grauen Gestrüpp der Augenbrauen mit Falten umkränzte Müdigkeit und ein funkelnder Porzellanglanz aus einer türkisgepuderten Hauttasche im Schatten des zarten Tränenbeins.

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Am Brunnen beschnüffeln sich Hunde, während die Hundebesitzer stumm danebenstehen und rauchen. Auf der Wiese vor dem Lokal trägt ein hochgewachsener, magerer Mann sein Kind im Babytuch, in der Hand eine zerlesene Zeitung. Ein hölzernes Spielzeug baumelt an der Schnur. … Drei Schritte weiter, in der prallen Sonne, schnarcht auf der Sitzbank ein Junge, den man nach einem nächtlichen Saufgelage hier zum Ausnüchtern abgelegt hat. In Reichweite stehen leere Bierflaschen, die das gefärbte Sonnenlicht mit stechender Brechkraft über das graue Pflaster gießen. Ein Wunder, dass sie noch nicht von den flaschensammelnden Rentnern entdeckt worden sind.

Wie verabredet verabschieden sich die Hundebesitzer und ziehen mit ihren hüpfenden, für die lustige Linienakrobatik wie geschaffenen Hunden los. Der zeichnerische Höhepunkt sollte aber erst noch kommen: Auch das Literatenpärchen steht auf und verkleinert sich langsam, zusammen mit Häusern, Bäumen und Straßenlampen entlang der strengen, zentralperspektivischen Fluchtlinie des raumschluckenden Straßenkolosses – bis dem Zeichner nichts anderes übrig bleibt, als anstelle ihrer Körper zwei Punkte zu setzen:

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Plastikkörbe, Kartons, Berge und Stapel. Eine Literaturbrüstung und die nervösen Luftgrafiken des Zigarillorauchs. Babys und Hunde; literarische Monster und theatralische Schönheiten; die musischen Chimären der papierenen Architektur. Die Stadt als komödiantisches Beiwerk einer bleiernen Raummegalomanie. Und als Belustigung für die breit gähnenden Puderriesen um den glänzenden Stecknadelkoloss der architektonischen Albernheit.

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Die Grammatik der Zerbröselung

16 Apr

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Ein Exkurs über  das Phänomen der paradoxen Unverwundbarkeit der Schönheit  im Werk des kroatischen Kunsthistorikers und Schriftstellers Matko Peić *

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»[…] dass die Schönheit in Wirklichkeit der Zerfall ist.«

M. Peić

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In der Gartenbibliothek des avantgardistischen Naturforschers gibt es nur ein Werk, dafür aber ein Standardwerk über unser Thema: das Buch »Skitnje« von Matko Peić, der wohl zu den besten Kennern der Geheimnisse von der unverwundbaren Schönheit zählen dürfte. Es liegt allerdings auf der Hand, dass dieses Werk wahrscheinlich für alle Zeiten unübersetzt bleiben wird … und soll. Denn jede Landschaft und jeder von Menschen bewohnte Landstreifen der Erde kann nur einen eigenen »Kenner« und einen eigenen Aporetiker der unverwundbaren Schönheit haben. Sämtliche Möglichkeiten einer Sprache, ihre ganze Mitteilungs- und Deutungsvitalität samt aller ihrer fossilen Ablagerungen, die bekanntlich alle unverkennbaren Prägungen der Landschaft sind, sind dafür notwendig.

Peićs künstlerische Beobachtungstechnik ist von einem unverfälschten, ungezügelten ja, geradezu beispielhaften Vitalismus geprägt. Sie ist nach der künstlerischen Strategie einer raffiniert unsichtbaren Freiheit konzipiert, die dem Künstler ungestraft alles erlaubt: Peić beobachtet das Land und die Menschen, vorzugweise den östlichen Teil Kroatiens, »unser Slawonien«, mit beinahe fatalistischer, weil wahrhaft aporistischer Unerschrockenheit: Er schreibt aus einem scheinbar astronomischen, in Wirklichkeit aber nur artistischen, das heißt illusionistischen Abstand – den der verblüffte Leser gar nicht bemerkt! – nur, um bei den unerbittlichen Aufzählungen des Lebens keine Hierarchien aufstellen, keiner Wertvorstellung folgen zu müssen, und daher gänzlich moralfrei bleiben zu können. Der Leser denkt nicht daran, die Frage zu stellen, womit er diese Freiheit legitimieren möchte!

Die Schönheit ist unverwundbar, mehr noch: Bei Peić ist sie mit einer unerbittlichen, von einem kunstvollen Narbennetz verzierten Lebensdringlichkeit gepanzert! Er muss ihre Unverwundbarkeit nicht einmal zum Thema machen. Denn tatsächlich – ist sie nicht offensichtlich, hier auf der Anlaufpiste des Balkans, das heißt auf dem Gebiet, in dem die Identitäten unwiderruflich zum Schmelzen ansetzen, und wo man sie schon tausend mal »gefoltert« hat und sie immer noch täglich brutalst misshandelt? … Das endlose Aufzählen ihrer Verstümmelungen, Peićs »Kunst einer gemütsruhigen Wiederholung«; der breite, für-alles-Zeit-habende pannonische Erzählfluss, in dem bei Bedarf jedes Tröpfchen und jedes Körnchen einzeln betrachtet werden könnte: Abermillionen von Geburten von Tier und Mensch, von Wald, Fluss und Stein, ihr Tod und das Leben, das, davon unberührt, immerfort weitere Spuren hinterlässt. Nichts davon ist ein Anlass zum Klagen, es gibt keinen einzigen Weltschmerz auch nur andeutenden Satz, geschweige denn eine Spur des ansonsten so unwiderstehlichen, soghaften Kulturpessimismus. Dafür ist die Schönheit der Welt einfach zu robust – ihr Komplement finden wir in seiner urigen literarischen Artistik: Sie ist großepisch durch miniaturistische Häufung – Peić notiert alles unmittelbar »im Gehen« – und bodenlos alles aufwertend, weil in das Starke verliebt. Sein Meisterwerk, »Skitnje« (Herumstrolchen, Wanderungen), erschienen im Jahr 1967, verzichtet auf jeglichen Kommentar, um restlos alles frei für ein unerbittliches Darstellen zu machen … und um das Beobachtete nicht durch »Meinungen« kleingeistig zu kontaminieren. …

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Und nun, wozu diese für den deutschsprachigen Leser unüberprüfbaren Anmerkungen? Einfach so, als kleine Notiz. Als Würdigung? Ja. … Und als Selbstermahnung für den Künstler, immer daran zu denken, dass die Hauptaufgabe der Kunst darin liegt, die Welt aus dem Bewusstsein einer prachtvollen Einfachheit her zu beobachten, die jedem Augenblick innewohnt und aus jedem Moment einen zuverlässigen, mehr noch: den einzig wirklich sinnvollen Ausgangspunkt jeder künstlerischen Tätigkeit macht. … Aber wir sind noch nicht fertig, fahren wir fort:

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Die Kleinigkeiten

Man kann bei Peić tatsächlich, wie der Sprachspieler in einem früheren Notizbuch vermerkte, von der nackten Intime einer namenlosen Zugehörigkeit sprechen: Die für fest angesehenen Identitäten zerfließen im weichen Flüsterton eines alles versprechenden Erzählflusses, der Leser fühlt eine umarmende Gerborgenheit in einem ihm gänzlich neuen, wundersamen Raum zwischen dem Spiel und der Notwendigkeit. Und – man liest Peićs Bücher jenseits aller auswendig gelernten Leser-Rollen. Denn solche Kunst behandelt keine gesellschaftlichen oder sonstigen »Kontroversen«, das hat sie nicht nötig. Sie ist selbst kontrovers, weil sie nicht einmal vorhat, die »Schuld« der Sprache zu begleichen – dazu hat sie das Kleingeld nicht dabei. Ihre trügerische Zeichenwelt und die Türme ihrer manischen Welterklärungen werden mit der Leichtigkeit einer hochartistischen Akrobatik einfach überflogen! Die Erzählgrammatik dieser Kunst ist paradox – unmerklich häutet sie die Namen von den Dingen ab, indem sie ihre Bedeutungen in unzähligen Beobachtungsminiaturen kunstvoll über die Landschaft verstreut und dahinschweben lässt, sie durch groteske Wendungen »neutralisiert«, durch waghalsige Verheißungen der ausschweifenden Wortkonglomerate »transparent« und konturenlos macht. An einer Stelle im Buch »Skitnje« schreibt der Künstler: »Einen Reisebericht schreiben […] heißt, das breite Leben schreiben: mit der Kleinigkeit«. In »Ljubav na putu« (Liebe auf dem Weg) steht: »… ich fange an zu fühlen, zu erkennen, dass man in dieser Landschaft nicht anders schreiben könnte, als in der Art der kleinen Diebstähle, des fröhlichen Abzupfens der Graswipfel und Beeren – dieser süßen Kleinigkeiten«. Es ist eine künstlerische, mit einer unverfälschten Liebe protokollierte Behauptung der Landschaft mittels Sprache. Das Ergebnis ist eine robuste, artistische Grammatik der Zerbröselung, die imstande ist, die beobachtete Welt und ihre mit tausendjährigem Wissenspuder bestaubte, anonyme Schönheit aus erzählerischen »Kleinigkeiten« erahnen zu lassen!

Wenn ein solches Kunstwerk gelingt, dann platzt eine auswendig gelernte, dick gepuderte, schlau getarnte, triebhafte Selbstvergessenheit in unseren Artistenköpfen unwiderruflich und klangvoll auseinander. …

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Die prachtvolle Einfachheit des Augenblicks ist der treueste Bürge der Kunst.

Eine aporistische Unerschrockenheit, die Optik des illusionistischen Abstands und die Astronomie einer raffinierten Freiheit, die ganz ohne Kommentar auskommt. Es ist eine unübersetzbare Beobachtung, in der die Identität und Integrität dicht nebeneinander beheimatet – beinahe als Synonyme – ihre festliche Vergänglichkeit feiern. Die »Heimat« dieser Kunst ist der stille Raum zwischen dem Spiel und der Notwendigkeit. Dort kann man eine verblüffende Entdeckung machen: Das paradoxe Wesen der Kunst ist das Staunen über ihre Leistung.

Und der Leser hat etwas gelernt: Die Kunst, die kontroverse Inhalte behandelt, ohne selbst kontrovers zu sein, verwandelt sich in eine triebhafte, staubgepuderte, schlau getarnte, Selbstvergessenheit.

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Matko PeićMatko Peić (1923 – 1999)

 

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* aus dem Buch „Architektur der Zerbröselung“ (Erscheinungstermin vsl. Herbs 2015)

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Umsonstladen

11 Apr

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Der Sprachspieler ist ganz in seinem Element: Mit viel Zeit und ohne Ziel vergräbt er seine arbeitslosen Hände in den Taschen und läuft der Nase nach durch den öden Zirkus des Gostenhofs. … Spielclub, Kiosk, Döner, Wettbüro, Friseur, Fußpflege, arabischer Heimatverein, Gemüseladen, Spielclub, ein türkischer Discount-Krimskramsladen, Kiosk, Gyros, Spielclub, griechischer Heimatverein, danach ägyptischer Heimatverein, Spielclub, Poker, Pizza Hut, Teppichbasar, Falaffel, Döner, italienischer Discount, Sportwetten, Shishaclub, Shishaladen, Spielclub, italienischer Heimatverein … Auf der Mittleren Kanalstraße wird ein knallgelbes Kabel verlegt. Im Gebäude um die Ecke ein elegantes Restaurant mit dem Namen »Koch & Kellner«. Dann noch ein teures italienisches Restaurant. Bretterlose Sitzbänke, angebranntes Plexiglas. Auf der weiträumigen Freifläche vor dem »Norma« wedelt der kalte Luftschwanz des Abends. Zwanzig Meter weiter, um die Ecke, der »Umsonstladen«, wo Mittellose kostenlos einkaufen können. Dann ein Atelier, eine Galerie, das anämisch dunkle “Volksbad”, das Planetarium und schließlich die belebte Wüste des Plärrers…

An der mittelalterlichen Mauer auf der anderen Seite der Kreuzung drängt sich wie kurz vor dem endgültigen Angriff ein bunter Haufen billiger Läden und Lokale; chinesische, thailändische und vietnamesische Imbissbuden, Kioske, Fast-Food-Läden, Spielhöllen, Bordelle, Casinos, Wettbüros, Pornokinos, Fetisch- und S/M-Läden, Sexshops, schmuddelige Uhrmacherwerkstätten, verstaubte Goldschmieden, billige Minihotels, Pokerspelunken, Säuferkneipen, noch mehr Puffs, Kioske, Wettbüros und Spielcasinos … Dann Anisduft im feuchten Schatten des Weißen Turms, die ersten Touristen und Lebkuchenstände. Und auf einmal, übergangslos, überall nur noch die gediegen sedierte Konsumbürgerlichkeit! Vergeblich dreht man sich um: weit und breit keine Mauerverteidiger? Haha, man läuft weiter.

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Die unsichtbaren Mauerverteidiger um die mittelalterlich dicht aneinandergedrängten Boutiquen, die edlen Cafés, Feinschmeckerläden, Konditoreien, Chocolaterien, Designer-Restaurants, Lifestyle-Bars, Kaufhäuser, Parfümläden, Souvenirshops, Schmuckgalerien und extravaganten Kunstmuseen sind die hyperrealistischen Phantombilder einer unmittelbaren Traumerfüllung, die in Wahrheit die perfide Drohung eines unabdingbaren Scheiterns ist.

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Die besten Verteidiger der innenstädtischen Konsumbürgerlichkeit sind bekanntlich die Angreifer selbst: all diese zwielichtigen Gestalten, dieses ganze Gesocks, Nichtsnutze, Schmuggler, Spieler, Schnorrer, Zuhälter, Kleinmafiosi, Möchtegerns, diese minderjährigen Banditen, Freizeitgangster, übergewichtigen Gewichtheber, Speichelspritzer, Huren, Säufer, Streuner, Spucker, Rülpser, Stoffel, Trickser, Angeber, Prahler, Aggresivlinge, Augenmörder, Schleicher, Störer und Murmler. …

Dann endlich schlägt man den Skizzenblock zu, der Kaffee wird kalt. Beim Eintritt eines jeden neuen Gastes spürt man den kalten Wind an den Füßen.

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