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Mislissippi Lexikon 04

9 Feb

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Kunstwort

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… Weitere Artikel unter: http://mislissippi.com/

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Mislissippi Lexikon 03

7 Feb

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Kofferwort

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No2

4 Nov

 

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DIE KUNST

DES UNBESCHWERTEN ENTSAGENS

Zeichnerische Beobachtungen im Spiegelbild literarischer Notierungen

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Softcover, 96 S., 18 x 11 cm, ISBN 978-3-9813-7287-8

  Book-02-490.

Über das Buch

In »Die Kunst des unbeschwerten Entsagens« stellt sich ein passionierter Zeichner vor, dessen künstlerisches »Endprodukt« literarische Beobachtungen sind. Denn bevor Željko Božičević mit dem Schreiben anfängt, zeichnet er einen Skizzenblock voll, um den Kopf von einer »durch verschlungene Literaturmeere aufgeblasenen Bild-Welt der Schriftsprache« leer zu machen.

Mit einer Mischung aus alarmierender Dringlichkeit und der befreienden Intensität einer tiefen Weltverbundenheit schildert Božičević unsere neurotische, von ständiger »Reizoptimierung und sinnloser Gedankenakrobatik« maßlos überhitzte Gesellschaft. Der Leser folgt dem Autor bei seinen Unternehmungen, aus dem »brennenden Betonofen der Stadt« zu fliehen; er wandert mit ihm durch vier Landschaftsbühnen für gleichsam schonungslose wie lebensfrohe literarische Weltdarstellungen.

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Mehr Infos unter: HTTP://EDITION.MISLISSIPPI.COM

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18

1 Feb

Das Schicksal des Glühwürmchens in der burnoutesken Gesellschaft der Gegenwart

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1

Bahnfahrt durch den feuchten Magen Mitteleuropas. Das starke Zuggewackel lässt im Skizzenblock eine tattrige Achterbahnfahrt aus festlich aufgeschreckten Linien entstehen. Nebel, träge Lichtschattierungen; zarte, diffuse Umhüllungen, plötzliche kupferstichartige Schärfe; eine endlose Filmrolle gefüllt mit Verlauf und Kontrast:

 

Das schattenhafte Wechselspiel der vorbeiflimmernden Tannen und der kurzen Talöffnungen mit alten, im Schnee erstarrten Streuobstwiesen. Vorbeihuschende, wachsfarbene Eistürme an den Füßen der bleiernen Felsen. Am Streckenrand ausgediente, auf den toten Gleisen abgestellte und von müder Grafik des blattlosen Gestrüpps umwucherte Waggons.

Unter der grauen Himmelsscheibe dehnen sich die breit gähnenden Dampffahnen aus. Eine wächserne Sonnenkugel thront wie eine senile Königin über den grauen, mit pelzigem Licht gefüllten Schluchten.

Die kalte Geometrie der eisbeschlagenen Strommasten, schläfriges Zuggerumpel, schweigsame Schüler und ununterbrochen redende Rentner. Verlassene Bahnwärterhäuser.  Ab und zu neu geteerte und vom Schnee geräumte Wirtschaftswege um die witzlose Strenge des Ackers. Dann Häuser, Lagerhallen, Kirchentürme, Fabrikanlagen, Burgruinen und der Bahnhof Hinterzarten.

 

Das Gepäck wird in die Abstellkammer einer aberwitzig kleinen schwarzwäldischen Wohnung abgestellt. Ein müde knarrender Holz-Uterus in gemütlicher Optik einer Schiffskabine. Darin eine Hausbibliothek, die sofort den pensionierten Deutschlehrer verrät. Siegfried Lenz, Thomas Mann, H. M. Enzensberger, Günter Grass, Goethe, Schiller, Dichterbiografien aus den Verlagshäusern Suhrkamp, Rowohlt und dtv; diverse Literaturanthologien, Fotobände, Kunst- und sonst Historisches. … Inmitten des Blätterns und Anlesens, hört der Sprachspieler, wie sein Magen knurrt und erst dann merkt er es: Im harzig duftenden Holz-Uterus herrscht vollkommene Grabesstille: Die edle Optik der Schiffskabine hat sich unmerklich aufgelöst und in das Raumbild eines schläfrig knarrenden Wintersarkophags verwandelt.

 

2

Die Mahlzeit inmitten des lustigen Detailkosmos einer nebulösen ferienörtlichen Häuslichkeit. Eine Arche Noah des Kitsches breitet sich im Speisesaal aus: Kunstblumen, Schmuckfiguren, Zimmerspringbrunnen, Elektrokerzenleuchter, Kissen, Überzieher, Schoner, Paravans, drahtgesteifte Schleifen, kunstseidene, dreifache Gardinen, Polsterstühle, Stofftapeten, Plastikikebana, Bild-, Gips- und Textildekorationen – alles im straffen Appell schweigende Opfer einer herzzerreißenden Materialschändung. Der Gast hat das Gefühl, von einem Kindskopf betrogen zu werden. Als Rache denkt man über chinesische oder indische Arbeitersklaven und ihre düstere Maschinenpolise, über die weltumspannenden Transport- und Logistiknetze und über die technisierte und technisch optimierte Wissens- und Produktionsverwaltung nach. Man denkt über die Anonymisierung des Wissens als Voraussetzung für Kitsch und auf den Kopf gestellte bürgerliche Bildungsinfrastruktur nach und kommt zu dem Schluss, dass diese ganze planetarische Anstrengung tatsächlich nichts anderes als der Aufwand ist, die Welt gründlich zu vergessen. … Man will sich bei dem silikongefestigten Textil, aus dem die Rose gefaltet ist, für seine Existenz entschuldigen, die Atome und Moleküle um Vergebung bitten, dass sie aus der schönen Anonymität der Mineralien in die niedliche Sinnlosigkeit der Puppenplastik hineingepresst sind …, dass diese monströs verschnörkelte Häuslichkeit so schamlos mit dem lebendigen Leib der anorganischen Welt verkuppelt ist.

Der moderne menschliche Animalismus zeigt sich bekanntlich am deutlichsten in der unbelehrbaren Künstlichkeit seiner billigsten Produkte. In ihnen bekommt die menschlich-animalische Anonymität eine anämische Maske des Individuellen aufgesetzt: Ob moderne Massenprodukte der Architektur, die Lifestyle-Konfektion der Wohnungseinrichtungen oder die Felsensteine aus Kunststoff im angesagten Wellnesszentrum, es sind immer – stumpf und beharrlich durch unsere Welt hallend – das Echo und der Leerlauf einer degenerierten Selbstvergessenheit, die uns vor der blinden Kälte der nackten Geistlosigkeit erzittern lassen. …

 

3

Und dann erschreckt man erst recht – der energisch beflissene Kellner serviert wortlos das Essen und eilt, wie ein von Burnout gefährdeter Schweigemönch, mit weiteren Tellern auf dem Unterarm zu den anderen Gästen. Der Gaisburger Marsch schmeckt hervorragend, das nussig riechende Brot ist selbst gebacken. … Und – mit vollem Magen denkt es sich anders – auch in der verunstalteten Materie ist eine gewisse Vitalität spürbar, man muss nur genau hinschauen: – Es ist eine unerschöpfliche Energie des Witzes, es ist die natürliche Satire des Daseins, in der sich die große, clowneske »Nummer« unserer fettleibigen Kultur abspielt. Der Kitsch ist lustig und bekanntlich längst eine Option in der reizoptimierenden Handwerkerkiste des zeitgenössischen Künstlers. Denn er ist der groteske, weil unverbesserliche Naivling unter den Schreikindern der Alltagskultur. Und er ist die mit Federn geschmückte Krone auf dem Schamanenaltar der satt gewordenen Gesellschaft. Und – man muss nur genau hinschauen – all das täuscht über etwas hinweg, das nicht gedacht war, bewusst zu werden; weder von den Markt- und Trendforschern noch von Bestellern und Gestaltern und am wenigstens von Herstellern: Keiner wollte die philosophischen Artefakte, die literarischen Reflexionen, niemand wollte den Stoff liefern für die Entartungs- und die Entfremdungsbeweise – die wiederum nicht anders sind als die intriganten Rache-Bilder einer gescheiterten Utopie. D. h. der entlarvten Illusion. … Das Lokal füllt sich mit Kurgästen, Warteschlangen bilden sich, sodass der laut überwachte Anstand die Rechnung begleichen lässt und den Maler von Intrige-Bildern an die frische Luft treibt.

 

4

Die Landschaft; Schnee und Hügel. Und erst hier, vor dem schwarzen Wall des Waldes, mit dem Blick auf den weichen Filz der Äste und auf das unwirkliche Grün der Heidelbeerbüsche verfliegen die intriganten Rache-Bilder der gescheiterten Utopie. Sie entpuppen sich nun als geschmackverstärktes Fertiggericht für die aus der Stadt mitgebrachte, festliche Angst vor Langeweile. Sie geht hier inmitten der geräuschlosen, weißen Einöde allmählich in die Geborgenheit einer winterlichen Heimatslosigkeit über. Verschollen und gerettet, einsam und glücklich, das bekannte Paradox der beißenden Kälte, die warm ums Herz macht. … Zunächst sieht man nur die kontrastscharfe und farbenscheue Grafik der Nadelbäume. Tiefer im Wald schärft sich der Blick für die geduldige Wärme der Farben: blaugrün, hellgrün und violett-grau, mit Flechte und Moos beschlagene Baumstämme. Vor den dunklen Tannen- und Kiefernkathedralen wild verflochtene Holzadern der pelzigen Birkenbaumkronen. Hier und da leuchten rostbraun die kahlen, rindelosen Baumskelette der toten Kiefernstämme. Es wird immer kälter, der Schal muss über die Nase gezogen werden. Den Wanderweg kreuzen schmale, schwarz glänzende Wasseradern inmitten des schneebedeckten, glasklaren Eises. Wenn man nach zwei Stunden den Wanderweg verlässt und dann immer wieder stehen bleibt, aufhorcht, das Atmen zurückhält, um die Stille besser spüren zu können, stellt sich das vom Alkoholrausch bekannte Körpergefühl eines unaufhaltsamen, steten Versinkens in den weichen Waldboden ein. Als ob eine ungeheuere Bewegungsenergie nicht aufgelöst wäre … Vogellaute, jeder Schritt bricht etwas; zunächst die feine Eiskruste des Schnees, dann die Frostschale des Mooses und danach darunterliegende, vom Frost geschützte, tote Äste. Über die Tannenzweige spannt sich der pelzige Raureif wie das zarte Fell über die mageren Knochen einer neugeborenen Katze. Die umgefallenen Stämme sind mit dickem Moos überzogen. Am Rand der Schneedecke, wo sich die gläsernen Linsen der glatten Eiskristalle sammeln, ragt es hervor. Hier und da kann man den Blick in die Innenräume der schweren, fünf Meter hohen Zuckerhüte werfen und darin die mürbe Harzader der Tannenstämme inspizieren. Unter dem Ästedach, auf dem schneefreien Boden, liegen verlassene Schneckenhäuser und Körperinstrumente toter Insekten. Und auch sonst sieht man tote Kleintiere, meistens Mäuse, Blindschleichen und halb gefressene Vögel. Immer wieder trifft man auf kleine Lichtungen mit Baumstumpen und – inmitten des Wirrwarrs der abgesägten Äste – Dutzende ein- und zweijährige, im Stehen schlafende Jungbäume. Zurück auf dem Weg ein vom Vogel fallengelassener, festgefrorener Regenwurm. … Es ist kalt, bei dieser Temperatur muss man laufen.

 

Die geduldig ausklingende Schalenmelodie der nackten Hügel und die musikalische Kernlosigkeit des Nebels. Die zierliche Eiskruste des Schnees, die gläserne Frostschale des Mooses. An den Bachrändern die schimmernden Linsen der glatten Eiskristalle. Die geduldige Wärme der Farben, die verfilzte Holzader der Birken und das zarte Federkleid der halb gefressenen Vögel. Die Buchstabengrafik im festgefrorenen Körper des Regenwurmes. Der pelzige Raureif über den dunkelbraunen Seidenfasern der abgestorbenen Gräser und die schattenlosen Tarnkappen der konturenlosen Wiesenlandschaft.

 

5

Der Waldweg führt bogenartig um den Ort herum und bring den Wanderer an der Skischanze vorbei in das märchenhaft patinierte Refugium des schwarzwälderischen Hotelluxus. Im Café »Diva« des Hotelparks »Adler« stehen auf den Tischen Vasen mit echten, frischen Blumen. Hier wird man sofort zum hausgemachten Müßiggänger. Die Künstlichkeit ist hier jugendstilistisch veredelt: zwei Palmen aus Kunststoff stellen eine wohldurchdachte Übertreibung dar. Eine konfektionierte Erinnerung an das für alle Zeiten festgesetzte Dekadenzbild der Jahrhundertwende. Hier betrügt man sich, sozusagen, selbst. Das Lokal ist fast leer, die Abwesenheit der Gäste und die langmütige Betriebsamkeit der Bedienung lenkt auch hier die volle Aufmerksamkeit auf die Gegenstände im Raum. Sie sind sowohl farbig als auch formrhythmisch wohltemperiert. Eine fröhliche, unergründliche Geduld der Stoffe, die uns tröstet, ohne dass wir eigentlich wissen worüber, drängt sich unwiderstehlich auf und beruhigt den Betrachter. Vielleicht ist es die gespeicherte Vergänglichkeit im alten Mobiliar, in der Gerätschaft, vielleicht sind es die der einfachen Funktion preisgegebenen Stoffe und von Spezialwerkstätten in die Welt entlassene Farben, Materialien und Formen, die mit edlen Gebrauchspuren patiniert zum Vorschein kommen. Oder sind es die kleinen, dezent zur Schau gestellten Spuren des Handwerkers? … Als Kontrapunkt drängen sich – in den Ferienorten sind bekanntlich alle Übertreibungen erlaubt – schamlos entblößte historische Legierungen von Utopie und Zynismus auf; Luxus und seine pubertären Versprechungen; kultivierte Erholung als verklärte Staffage einer geschmacklosen Sattheit. … Somit nimmt auch hier die antiquierte, erstarrte Künstlichkeit an unserem Leben – wie hieß es noch mal? … – die Rechte der Leiche wahr.

Sämtliche Wände des Pavillons sind aus Glas, das Dach wird von der schlanken Säulenkonstruktion aus Gusseisen getragen. Eisen und Glas werden mit seidenglänzender Wärme des Holzes kombiniert. Messing und Chrom bilden den Übergang und erfüllen gleichzeitig die Aufgabe der musikalischen Akzentuierung des Lokals. … Und diese stumme »Musik« des Raumes schafft es irgendwie bis zu den Ohren, die auf einmal knallrot erglühen. … Draußen um den kleinen Teich führen die Hundebesitzer, allesamt Kurgäste – d. h. Rentner und Privatiers – ihre Hunde aus. Verständlicherweise sind es die Junghunde, die hier ganz fehl am Platz wirken. Ihre unbändige, energiesprudelnde Lebenslust wirkt hier, inmitten der winterlich und kurörtlich sedierten Landschaft, wie eine bezahlte Freiheitslüge. … Es fängt wieder an zu schneien. Glockenlaute, Wiehern, zwei dunkelbraune Pferde mit langen blonden Mähnen ziehen den hochglanzlackierten Wagen Richtung Hotel. Darin drei sehr gepflegt aussehende, in edlen Plaid Wolldecken eingehüllte Personen. Der livrierte Hotelangestellte öffnet die schmale Holztür und hilft den Gästen aus dem Wagen. … Man will lachen, denn tatsächlich: – Es ist beinahe ein Witz, wie wir Menschen leben.

 

6

Die Gedanken über die Kunst. Warum eigentlich, kann man es nicht einfach lassen? Ist es die Satire des Daseins? Oder die Sehnenscheidenentzündung, die das Zeichnen verhindert? Womit das Denken ohne jegliche Zähmung fortfließt: Irgendetwas will überlegt werden, irgendetwas irritiert und regt die Produktion der intriganten Gedankenbilder an.

Kann es sein, dass ausgerechnet die mit dem Kitsch so verwandte, »reaktionäre«, kleinbürgerlich verklärte Akzeptanz des Künstlers als lebensberechtigten Mitbürgers – der tagelang in seinem Café sitzt, nichts macht und die Welt nur beobachten darf – einen Teil des weitgehend unbenutzten öffentlichen – und angenehm kühlen – Raumes bereitwillig freilässt? Für eine Kunst außerhalb der neurotischen Kommunikationsspiele und der aufgedrängten Notwendigkeit des Engagements? Denn jemanden in Ruhe »nichts« machen lassen ist womöglich die letzte »humane« Haltung und Handlung unserer überhitzen burnoutesken Gesellschaft gegenüber dem Bürger, dessen verstaubter – oder gepuderter?! – Platzhalter der Künstler ist.

 

Kunst als die Pantomime einer pudergeschminkten Lethargie, als automimikrische Artistik … und die Kunst einer streng verschriebenen Höflichkeit?

 

Es handelt sich im Grunde um die bekannte These der Verklärung des Künstlers und seiner »Narrheit« als Ausrede für das »Falsche« des eigenen, »normalen« Lebens. Aber wen juckt’s? Denn auch die Künstler baden im Kochkessel der Reizerhöhungen mit – wo sie, manche schon verrückt vor Verzweiflung, den mitgekochten Bürgern Präzisionsthermometer verteilen. (Das musste hier so gesagt werden, denn unweit befindet sich ein weltweit führender Hersteller von thermografischen Geräten.) … Wäre es also nicht doch einen Versuch wert, eine buddhistisch-dadaistische, eine chamäleonische Camouflage-Subversion zu erproben und diese mentale Infrastruktur zu benutzen, um sich den nutzlos frei stehenden, »reaktionären« Nischen-Raum im Stillen zu eigen zu machen? Eine all zu laut quietschende Schraubendrehung des sprachspielenden Dada-Derwisches?

 

Kunst als gespiegelter Hilferuf einer senilen Alltäglichkeit; Kunst als skurrile Beschäftigung mit den anämischen Kontroversen einer weich gekochten Gesellschaft.

Sagen wir es in aller Klarheit:

Es ist die Kunst des unbeschwerten Entsagens, die hier propagiert wird! Besetze die verlassene Einöde des selbstbestimmten Lebens und nimm die Rechte des Lebens am mumifizierten Leib der ausgeträumten Utopie wahr!

Aber: Sei höflich und liebe das Absurde wie dich selbst.

 

7

Und so findet man wieder zurück zum Sprachspiel.

 

Denn so gesehen verdankt der tatsächliche Nutznießer der Welt (hier: der Künstler) seine absurde Freiheit gerade der unverbesserlich stumpfsinnigen Verklärung des Künstlers, die sich in den feinstaubigen Sedimenten der Massengesellschaft versteinert hat, Verklärung des Künstlers als Bürger, der »anders« sein darf.

(Dabei soll er aufpassen, dass die porös-versteinerte Künstler-Vorstellung nicht verletzt wird! … In der selbst gewählten Abgeschiedenheit des selbst erklärten Weltbeobachters fällt das nicht schwer, denn niemand schaut genau hin.)

 

Das künstlerische Nichts-machen-tum, das städtische Einsiedlerleben, die hypnotischen Tanzdrehungen des Nonsens-Derwisches … wie passt das in die hyperaktive Kommunikationskultur der Mikro-Aktionen, in unsere what’s-next?-Kultur des Spruches, des Witzes, des Sketches und der Anekdote?! … Und des anonymisierten Wissens und der Materialschändung … und da ist es wieder:

 

Im Kopf unwirklich widerhallendes und leise summendes Bildgeräusch der weltumspannenden, gigantischen Produktionsinfrastruktur; unübersichtliche Verwebungen der Logistiknetze und Produktionswege, in feinen Schichten über die Stadtlandschaften sich wölbende Verwaltungsebenen; die unerlässliche Lifestyle-Maschinerie, die Forschungseinrichtungen, die unerhörte, alles umfassende Ökonomisierung, Ökonomisierung der Bildung und darüber fein verwebt: die Zerstreuungskultur mit ihren lustig schimmernden Lasuren einer pansinnlichen Reizaufrechterhaltung.

 

Noch einen Kaffee? Warum nicht – der sprachspielerische Gedankenapparat hat erst angefangen, warm zu laufen. Außerdem ist das edle Lokal zu dieser Stunde das wahre kulturpessimistische Theaterparadies! Schwer entzieht man sich hier der möbiusschleifenen Gesellschaftskritik, der warmsockigen Melancholie unserer Walter-Benjaminisierten Kultur der Weltbeobachtung.

(ups!) …

Und hiermit verrät sich der Sprachspieler endgültig! Oder hat man ihn schon durchschaut? Denn er ist mit dem für seinen sprachkombinatorischen Derwischtaumel mitverantwortlichen Buch unterwegs. Im Bücherregal des pensionierten Deutschlehrers – der sich als notorischer Büchernarr entpuppen sollte – erblickte er eine von Hannah Arendt für das amerikanische Publikum ausgewählte Prosasammlung von Walter Benjamin. Das berühmte Lesebuch »Illuminationen«* enthält von allem, was der Mann geschrieben hat, ein bisschen. Essays und Beobachtungen, Kurzprosa, Kritik, Theorie und Kommentar, alles virulent und brillant. Die Textfragmente sind die schönen Spuren einer ansetzenden Rückbildung der bürgerlichen Kultur, das Buch ist das lebendige Fossil einer erzählenden Philosophie und einer philosophierenden Erzählung, die sich selbst mit der Welt, die sie darstellt, wundersam literarisch erlebt und erklärt. Die umarmende, unverfälschte intellektuelle Selbstsucht einer zart flüsternden Dringlichkeit. …

 

8

Zurück zur Natur! – Die Bücher bleiben heute zu Hause. Der langsame, kräftezehrende Marsch auf dem schneeverwehten Wanderweg Richtung Todtenauer Hütte. Am Wegrand futuristische Sohlenabdrücke  sonntäglicher Frühaufsteher. Zackige, geometrisch verschachtelte und abstrakt-künstlerisch verspielte Negativformen in der jungfräulichen Hightechpräzision der sportlichen Stanzmaschinen. Schnell hat man keine Puste mehr, bald nach der Jacke zieht man auch das Vlies aus. Auch das Wasser ist schon ausgetrunken. Den dunklen Wolkenfasching unter der gesichtslosen Scheibe des grauen Himmels, die weißen Tannenbaumkegel und die Fantastik der Eisskulpturen auf den mit Wurzeln bespickten Felsenbrocken schauen wir uns auf dem Rückweg an. Dafür ist jetzt kein Platz im Kopf: Bei Minusgraden stapfen wir mit dem pfeifenden Lungenkessel in der Brust, verschwitzt und mittlerweile schon im T-Shirt  durch den tiefen Schnee. Wenn nach der nächsten Kurve die Hütte nicht im Sicht ist, kehren wir um.

Die Todtenauer Hütte ist übervoll von dampfenden Körpern der Freizeitsportler. Benebelt von Anstrengung und Hyperventilation findet sich der Wanderer unverhofft in der absurden Position eines Traumbeobachters wieder: Im Speisesaal gehen sich die Protagonisten zweier Traumszenarien wie in einem phantasmatischen, stummen Balletttanz kunstvoll aus dem Weg! Inmitten von verschwitzten, dunstumhüllten und in die engen Spezialkleider hineingepressten Amateurfanatikern des Sportes, die ganz in die Verwirklichung ihres Bewegungspensums vertieft sind, tänzelt die geisterhafte Weiblichkeit einer russischen Schönheit herum. Die kunstvoll aufgetragene Schminke, die etwas altmodische Frisur, Ohrringe, Armbänder, Brosche, zu den Schuhen passender Gürtel und sorgfältig abgestimmte Farbkompositionen der Kleidung bilden den bekannten Panzer für die wunde, dunkel schmerzende slawische Sehnsucht nach selbstbestimmtem Leben. Eine für den Mythos der Normalität hart kämpfende Heroine der Arbeit. Ein weltträumendes Glühwürmchen im Dunstbad der lustig knisternden Burnout-Geselligkeit.

 

Ein Traum geht reibungslos und inflatorisch in die alltägliche, mürbe Erfüllung: Die Träumenden träumen sich in die satirische Fantastik des Daseins, in die spielerische Alltäglichkeit des Möglichen, wo die nervöse Banalität der Traumerfüllung längst die Routine einer gelangweilten Erwartung geworden ist.

 

Währenddessen träumt sich das Glühwürmchen in die immer harzigeren Schichten der Fantastik hinein und fühlt sich gleichzeitig – und notgedrungen, weil aus Selbsterhaltungstrieb! – von einer möglichen Traumerfüllung bedroht. Und lädt ihren Alltag mit glänzenden Platzhaltern für unerreichte Wirklichkeit: So schwebt es sich in der Küche und zwischen den Tischen herum, so rätselt man die Bestellungen aus zahlreichen deutschen, österreichischen und schweizerischen Dialekten heraus, alles mit glänzenden Halsketten, Broschen, Ohr- und Fingerringen, Armbändern, Gürtel und Haarspanngen und mit einer festlichen Haltung, die auch einen Empfang der Hochzeitsgäste im eigenen Wohnzimmer rechtfertigen würde.

 

Und wahrhaftig, es ist ein Traum, in dem die Satire des fantastischen Daseins und der Witz der harzigen Fantastik die stillschweigend abgesprochene Hochzeit feiern.

 

Statt Trinkgeld würde der Sprachspieler der slawischen Arbeiterschönheit am liebsten eine traumhaft schöne, dezent glänzende Perlenkette geben. Oder einen kostbaren Diamantring schenken, ein goldenes Armband oder einen Termin in einem angesagten Kosmetikstudio. Aber das lässt sich jetzt nicht organisieren. Dafür entstehen Dutzende drahtig zitternde, zarte Zeichnungen mit der (noch) gesunden linken Hand. … Und erst dadurch – wie ein Puppenmeister, der vom Beifall des Publikums aus der Maschinerie des Theaters auf die Bühne gerufen wird –, tritt der Raum des Speisesaals in Erscheinung.

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Die ersten Bühnenauftritte auf den müde knarrenden Tannenbrettern des überhitzten Wintersarkophags: der eisbeschlagene Holz-Uterus in der gemütlichen Optik einer Schiffskabine, harzig duftende Traumregungen und seidenglänzende Holzwärme um die Satire einer drohenden Traumerfüllung.

Und als Zugabe:

mythische Fantastik der Normalität als eine mit Federn geschmückte Krone auf dem Schamanenaltar der burnoutesken Gesellschaft.

 

Wieder draußen schauen wir uns kurz den Wolkenfasching unter der gesichtslosen Scheibe des grauen Himmels an. Dann stapfen wir durch den tiefen Schnee den gleichen Weg zurück. Dabei staunen wir über die unbeweglichen, weiß ummantelten Tannenbaumkegel, die wie in stummem Appell stehende, hoch dekorierte Admirale aussehen. Ein Festakt für irgendeine, noch zu Urzeiten des Schwarzwalds untergegangene Flotte? Dann bewundern wir noch die Fantastik der pagodenartigen Eisskulpturen auf den mit Wurzeln bespickten Felsbrocken am Wegrand sowie die glänzenden Pudertürme aus Neuschnee. Und schon sind wir auf dem wachsfarbenen Matschfluss der Straße, reibungslos fortglitschend im künstlich aufgetauten Trakt des klebrig knurrenden, nebelfeuchten Magens des Winters.

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* Gebraucht, je nach Zustand, kostet das Buch (ISBN 3518368451) zwischen 7 und 12 Euro.

17

30 Nov

Die Würdenträger des schönen Daseins

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Eine lichtsprühende Farbengala, eine festliche Flaggenparade des Abends! Voluminöse Klarheit in der pompösen Unschuld des Mittelmeers. Alle Gegenstände verhandeln ihre Formen, verlieren und gewinnen ihre verschwenderische Wirklichkeit wieder. Eine harmlose, selbstherrliche Willkür tänzelt und singt im harzigen Abendlicht. Das anonyme, großzügig verstreute Glück wird von der bodenlosen Unparteilichkeit des Horizontes verbreitet. Und alles lebt auf Kosten der naiven Geduld des Meeres.

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Die Nachbarinsel ist nur noch zur Stille kommender, brauner Bodensatz des verglühenden Lichts. Das Meer hat die letzten Warmtöne glatt verrieben und spiegelt jetzt nur noch die quecksilbernen Puzzlestücke des Abends. Eine violettfarbene Blässe breitet sich aus. Hoch auf dem Hügel strahlen die zwanzig Meter großen Pinienstämme ihre mütterliche Melancholie aus. Unmerklich stiehlt sich von Osten her eine milde Abendbrise zwischen die Bäume. Zunächst bewegen sich nur die äußeren Äste der Baumkronen, dann schwingen auch die schlanken Stämme mit und zeichnen ein eierndes Oval in der Luft. Bevor der Wald zu seiner scharf umrissenen, allabendlichen Ruhe kommt, leuchten die Farben in den Spitzen der Baumkronen für einen Augenblick noch intensiver auf. Eine grundlose Harmlosigkeit erstrahlt in voller Farbenpracht. Sie ist nur in dieser Welt zu finden, die keinen Herbstnebel kennt. Überall sprudelt die unergründliche Gebärlust einer kindlich fatalistischen Klarheit, die unbeholfen immerfort die Geheimnisse der Landschaft preisgibt. Über das Fischerdorf breitet sich eine silberne, Konturen schneidende Transparenz aus. Durch die menschenleeren Gassen, die eine abendliche Spielart der De Chiricoschen Doppelbödigkeit beherbergen, laufen gähnende Katzen. An den Mauern der Vorgärten zeichnen sich kunstvolle Raumdehnungen eines steinernen Schattentheaters ab. Die Unheimlichkeit, die in den Bildern der Pittura Metafisica zu finden ist, entschlüsselt sich hier von selbst: Sie ist das nackte Staunen über die großzügige Naivität der nebellosen Natur.

Die letzten Minuten des Tages vergehen im Zaubertanz der Konturen schneidenden Transparenz. Die Nacht ragt wie ein ungeduldiger Riese hinter dem kahlen Berg empor. Und gleich ist es so weit: Alles ist gleich wichtig, alles ist gleich unwichtig unter dem animalisch gähnenden Maul des farbenschluckenden Nachthimmels.

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Am frühen Morgen fängt das Spiel von vorne an: Die Gegenstände würfeln um ihre Wirklichkeit, wie betrunkene Millionäre setzen und verlieren sie ihre Schatten und gewinnen sie wieder. Schamlos naiv und doch geschickt und schlau ist ihr Spiel. Sämtliche Oberflächen ringen um das harzig-gelbe Licht, das allein von der Ungeduld des Wassers lebt. Die ersten Geräusche kommen von weit her. Irgendwo brummt ein schwerer Dieselmotor auf und setzt einen Lastwagen in Bewegung. Die Rufe von der Baustelle verhallen in der windlosen Ferne. Dann zersetzt sich die Stille des Morgens endgültig. Nur noch in den Pflanzen, in den reglosen, fleischigen Blättern, in ihrer unerschrockenen, stummen Präsenz wacht sie wie eine umarmende, lebensallwissende Großmutter über den Tag.

Die Pflanzen sind das reine Volumen der Stille, alles gebende, bescheidene Würdenträger des schönen Daseins. Jeder Zeichner ist verpflichtet, ihnen stets die volle Aufmerksamkeit zu widmen.

Dagegen sehen die Menschen wie abgestumpfte Opfer einer perfiden Nötigung aus. Sie bewegen sich zu dieser Stunde mit einer nervösen, disziplinlosen Strenge, reden oder schweigen, umhüllt in einer porösen Verwebung aus zerrissenen, zerknäulten und verklebten Fäden ihrer aggressiven Selbstvergessenheit. Als Notwendigkeit getarnter Überdruss.

Eine metallisch trommelnde Alarmglocke hallt durch die Gassen. Die örtliche Schule entlässt eine Abteilung Dreiklässler, die sofort das Ufer ansteuert. Bald bevölkern die Schulranzen den einsamen Strand, während sich die Inselkinder der Wasserakrobatik widmen. Sie ist ihr angeborenes Daseinselement. Die nassglänzenden Körper ähneln dabei den lebendig gewordenen, glatten Kieselsteinen. Eine furiose Aufmerksamkeit lässt Dutzende Zeichnungen der scharf umrissenen Raumwolken entstehen. Das Bleistiftvolumen füllt sich und leert sich wieder, die lebendig gewordenen Kieselsteine turnen zwischen den gedankenabweisenden Linien.

Mittagszeit. Heiße Wüstenfarben breiten sich über die Felsen, brennen sich in die ruhig schaukelnden Schalen der Segelboote ein und schmieren öligen Glanz über das Wasser. Die zitternde Luft über dem Parkplatz verdichtet sich im unruhig flackernden Hitzenebel. Riesenbusse spucken unaufhörlich ihre Touristenladungen aus: hinkende Kolonnen deutscher, österreichischer und belgischer Rentner. Alles schwer erodierte, bleierne Nebelwesen aus dem feuchten Magen des Kontinents. Sperrige Digitalkameras, große Teleskopobjektive, Ferngläser, Hörgeräte, glänzende Laufstöcke, Hightech-Prothesen, geräuschlose Zweirädler und Elektroautos. Dunkle Utopien der Science-Fiction-Kinematografie werden Wirklichkeit: je faszinierender die Technik wird, umso belangloser und überflüssiger scheinen ihre Nutznießer zu sein. Eine dichte Staubschicht des Wissens hat sich über die Welt gelegt, ein feiner Datenpuder, der schon durch den leisesten Gedanken aufgewirbelt wird. In einem Science-Fiction-Film der Zukunft werden die Menschen gedankenabweisende Kleider tragen.

Die Bäume auf der anderen Seite der Bucht sehen wie abgetragene Filzhüte aus, die stets gegossenen im Park ähneln den verwöhnten, immer satten Haustieren. Fettgemästete und künstlerisch frisierte Einbeiner. … Irgendwann hat man die gegenüberliegende Seite der Bucht aufgegeben, weder Weinanbau noch Tourismus hat dort Fuß gefasst. Nur noch die jungen Paare paddeln mit ausgeliehenen Plastikbooten hinüber, um mit ihrer Liebe allein zu sein. Manchmal werden ihre Paddelboote von den Wellen der Ausflugsschiffe in wildes Schaukeln versetzt. Ein stürmisch-erotisches Vorspiel für die Liebenden. Für die kleinen Wasserakrobaten, die bald nicht mehr lebendig gewordenen Kieselsteinen ähneln werden, ist die andere Seite der Bucht das erste Neuland, das aus eigener Kraft erschlossen wird. Das gefährliche Durchschwimmen der viel befahrenen Wasserstraße von Punat ist für die Inselkinder schon immer die ultimative Mutprobe gewesen.

Zweihundert Höhenmeter von der Küste entfernt schimmern in einer dampfenden Farbverve Lichtspiegelungen auf. Zunächst sind Vögel und Schlangen die einzigen Lebewesen, die in der gleißenden Öde von sich hören lassen. Je enger der Pfad, desto stiller wird es: Bei jedem Geräusch erzittert man vor Sorge um die schöne Einsamkeit. Aber irgendwann wird nur noch gelauscht: Irgendwo müssen auch Schafe, Wildschweine und Gämsen sein, denn man hört, wie es im Gebüsch raschelt und wie Steine rollen. Trotzdem wartet man vergeblich neben dem Wasserspeicher, die Tiere wollen unter sich bleiben. Durch die Baumkronen der kleinwüchsigen »Inseleiche« schimmert die glänzende Tinte der Kvarner Bucht. Dunkle, indigofarbene Flüsse schwingen sich um den Hafen, glatte, wellenlose Flächen ruhen vor der kleinen Klosterinsel und werden umkreist von lichtgekitzelten, träge schimmernden Seen im weiträumigen Meerbusen von Krk. Die Gedanken spielen verrückt und häufen anämische Kunstideen an. Eine Pause, in der weitere Blätter mit Zeichnungen gefüllt werden, klärt den Kopf. In der Linienlandschaft des Meeres, in der die Farbkonturen herrschen und das Licht widerstandslos durch wild pochende Lichtadern fließt, ist das Zeichnen die natürlichste Form der Wahrnehmung. Die blutleeren Kunstgedanken verfliegen, sobald die ersten Linien über das Blatt gleiten.

Die Wolken ziehen in selbstherrlicher Willkür mal Richtung Norden, mal Richtung Süden. In Wahrheit kreisen sie um die Sonne, die kein einziges Mal von ihnen bedeckt wird. Die uralte homerische Landschaft kennt solche Spielchen nur zu gut: Die Inseln sind zu kahl und zu »welterfahren«, um ernsthaft Interesse am Schattenkarussel der Wolken zu haben. Unempfindlich für die Hitze, in einem wundersamen Scheintod, schläft die herbstliche Landschaft der kroatischen Küste wie ein müder, scharfsehender Weltträumer.

Amorphes Volumen, Tiefe und Transparenz: Die volumenabweisende Linienlandschaft besteht aus unaufhörlich sich brechenden Lichtkonturen, die Farbe aus dichtverflochtenen Lichtadern. Die Landschaft ist ein seiden schimmerndes Liniennetz aus ruhespendenden Volumentäuschungen.

Auf dem Weg zurück filmische Fantastik der Straßenlaternen. Die Bäume als Projektionsflächen der abendlichen Täuschungen. Unruhige, vom Licht in helle Aufregung gebrachte Bienenstöcke aus Nadelblättern um die unwirklich sauberen Leuchtkugeln der Lampen. Die Baumkronen flimmern lustig und stumm vor naiver Freude, ihr Volumen der Stille auch unter dem künstlichen Abendlicht zeigen zu dürfen. Darunter, inmitten des gelben Lichtkegels Tuschezeichnungen von Kartenspielern. Männer in Bademänteln mit kunstvoll ausgegossener Tinte unter den Augenbrauen und tiefen Rinnen schwarzer Farbe im Gesicht. Vor der Mole läuft der hinkende Teufel persönlich, arbeitslos, da sich die moderne Welt unaufhörlich freiwillig entblößt und er keine Dächer mehr hochheben muss. Hat er gar seine Zauberkraft an die Menschen verkauft?

Um die Sonne kreisende Wolken, die schöne Einsamkeit in der dampfenden Farbverve der Lichtspiegelungen. Kinematografische Fantastik des Abends, kunstvoll vergossene Tinte und das Kartenspiel in dem lustig flimmernden Volumen der Stille.

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Tage oder sind es Wochen, die vergangen sind? Die feuchte, klebrige Luft presst sich in die Nasenlöcher. Die süchtig gewordene Lunge saugt große, von Salz angeschwollene Luftwürmer ein. Man atmet mit der Presstechnik der Wiederbelebung, … eine Notbeatmung mit dem Aggregat der Erstickung. Der Körper wird bis zum Platzen mit fetten Luftwürmern gemästet und kann zum Fliegen ansetzen. Auf der Uferpromenade ausländische Mann-Frau-Einheiten im Gänsemarsch: die Männer hinkende Paviane, die Frauen aufgedunsene Kanarienvögel. Urlaub aus Verzweiflung, als bezahlte Nötigung. So wie die alten Männer auf der Uferpromenade ihre schweren Bäuche, trägt auch der Sprachspieler überall eine schwere Kunst-Blase mit sich herum. Zu viel Schweinefleisch und Bier dort, zu viele fruchtlose und überflüssige Gedanken und Gedankenhülsen hier.

Auch er hat sich übrigens an einer Urlaubsnötigung beteiligt. Einmal überredete er Freunde, Schriftsteller aus Berlin, ein paar Wochen hier zu verbringen. Als der Sprachspieler sie das letzte Mal sah, stand in ihren Augen das blanke Entsetzen, hier keine Balkan-Exotik gefunden zu haben, sondern nur »grauen Touristen-Beton«. Diskret wurde als Beispiel einer lohnenswerten Reise die Karibik genannt, wo »Negermammas« selbstgedrehte Zigarren verkaufen und überall Spuren Hemingways zu finden sind. Man hörte, dass sie demnächst nach Albanien reisen, wo man den Bunker-Beton besichtigen kann und zahlreiche andere, edlere, durch weit größeres Elend patinierte Widerlichkeiten zu finden sind.

Die pensionierten Angestellten aus Süddeutschland und Österreich dagegen sind hier gut aufgehoben, ihre konfektionierte Sehnsucht kennt keine Sackgassen: Für sie reicht das farblose Leben im feuchten Magen Mitteleuropas völlig aus, um hier die herbstlich verzerrten Schatten eines späten Glücks zu finden.

Sehnsucht nach Exotik ist bekanntlich das moderne Bedürfnis, das »Authentische« wiederzufinden. Die Welt als Bilderbuch und als die Ablenkung von der angeborenen Kernlosigkeit. Denn je unwiderruflicher das Fremde ist, um so glaubwürdiger bürgt es für die geliehene Identität des Anekdotensammlers.

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Nach der stürmischen Nacht strahlende Frische, Klarheit und eine zahnlose, luftgetrocknete Welt. Der Himmel auf der Jagd nach Schatten. Trotzdem suchen die Augen des Sprachspielers nur noch Beton. Und tatsächlich – viele Küstenortschaften auf der Insel sind wahre Schaubühnen der Betonbauformen! Supermärkte, Apartmenthäuser, Hotels, Tanzterrassen, Sportplätze, Parkbänke, Pflanzentöpfe, Gartenschmuck, Skulpturen, Brunnen, Uferpromenaden, Kaimauern, Ankerplätze, Bollwerke, Leuchttürme, Wellenbrecher – überall um die alten Stadtkerne wuchert die Welt aus glatten Gießformen. Auch weit von den touristischen Zementgürteln der Dörfer, inmitten von uralten Olivenhainen, verlassenen Weinbergen und Schafweiden findet man einsame Betonkreationen – ein Gaudísches Kunstwerk erhebt sich aus der Macchia: eine unvollendete Haus-Skulptur eines pensionierten Maurers aus fantasievollen Betonsäulen, Wänden mit orientalisch anmutenden Fenstern und Balkonen in Nussschalenform. Unter einer zwerghaften Inseleiche thront ein Betonobelisk mit den Namen der Freiheitskämpfer, die an dieser Stelle von italienischen Faschisten erschlagen wurden. Auf dem kahlen Hügel protzt ein massives Kreuz aus glattpoliertem Feinbeton. Von Schafen umgeben zerfällt der flache Rohbau eines schwarz gebauten Ferienhauses.

Dann mahnt die Schiffshupe zur Eile. Wir stechen in die ruhige See, schneiden die blasse, ruhig atmende Spiegelscheibe der Kvarner Bucht. Die Collagen aus grauen Beton-Gedanken blättern langsam ab. Fern am Horizont die großen Frachtschiffe. Zusammen mit den blau-weißen Linienschiffen steuern sie Rijeka an. Der Magen spürt langsam die ungeheure Tiefe, die durch schroffe Felsenzähne noch gesteigert wird. Die Möwen scheint jemand hier vergessen zu haben. Sie ruhen sich auf dem glatten Wasser aus und scheinen zu träumen. Die ersten Inseln gleiten vorbei. Plavnik, Cres, Prvić. Hart sich abzeichnende Felsen, kahle, ockerfarbene Steinrücken decken den bläulichen Bergfuß des Nordvelebit ab.

Schon von weiten sieht man die italienischen Schnellboote und Segelschiffe. Auch Ausflugsboote – umfunktionierte schwere Holzschalen der heimischen Fischerflotte – sind vor der Insel Grgur vor Anker gegangen. Sonnenverbrannte, halbnackte, muskulöse Männer und normmagere Frauen in makelloser Reptilienhaltung auf dem Deck der blank polierten Jachten. Verschwitzte Rentnertrupps, englische, deutsche, französische und chinesische Reisegruppen. Die einzigen Einheimischen sind die Kellner in der Strandbar und die Schiffsbesatzungen der Ausflugsboote. Hierher sollten die Schriftsteller aus der Hauptstadt geschickt werden. Denn das Strandvergnügen auf der Insel Grgur ist mit feinsten Spuren der brutalsten Gewalt veredelt – bis in die sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts war hier das politische Straflager für Frauen. Sie liegen hier zu Hunderten begraben. Den »Negermammas« nicht unähnlich, lebten sie hier ein hartes, aussichtsloses Leben. Davon aber weiß fast niemand: Die Einheimischen haben sich für den Massentourismus entschieden, das Land ist dem reichen Kern des Kontinents viel zu nah und nicht weit genug weg von den unschlagbaren Giganten touristischer Opferexotik (Bosnien, Kosovo, Albanien).

Die Ruinenstadt befindet sich zweihundert Meter von der Bucht entfernt. Sie zieht nur ein paar deutsche Rentner zur Besichtigung an. Der Stein sieht wie erst gestern gemeißelt aus, die breiten Hauswände, Türme und Mauern stehen im Raum, als seien sie soeben gemauert: eine natürliche, steinerne Klarheit in der großzügigen Ordnung der Karstlandschaft. Die große, mit Steinpflaster geebnete Fläche sieht aus wie ein aufgegebenes Amphitheater, das stoisch – harmonisch und heimisch unter dem grünen Schirm der Pinien – auf das Publikum wartet. Alles andere in Beton Gegossene zerfällt: Balken, Säulen, Wölbungen, Treppenhäuser, Türöffnungen, Terrassen und Kamine sind nur noch staubiges Magerfleisch um das verrostete Armaturgerippe. Darunter manches Kunstwerk: Die ausgewaschene Mauer, aus der die blinden Krokodilaugen herausstarren, kinderfaustgroße Kieselsteine, die – gewälzt und glattgeschliffen in einem mächtigen Urfluss – vor Jahrmillionen von den Alpen bis hierher gefunden haben. Sie werden sowohl den edlen Tortur-Beton, in dem sie gefangen sind, als auch den großstädtischen Anekdotensammler um Jahrtausende überdauern.

Auf dem ehemaligen Appellplatz thronen umgestürzte Baumriesen. Auch manche Wirtschaftshäuser befinden sich in den sicheren Sturzschatten der von Winterstürmen totgepeitschten Baumkolosse. Einige haben schon einen mächtigen Pinienstamm mit Dachgiebel umarmt. Zerrissene Zäune, Nägel, Schlösser, Tür- und Fensterbeschläge, Blechsplitter, Drähte, Matratzenfedern und verrostete Teile von Betten liegen über über dem Brachland zerstreut wie vergessene Schätze eines ausgesetzten Kindes. Und lauern auf die weichen Sandalensohlen des Urlaubers (eine Rentnerin aus Leipzig hat sich eine Schnittwunde zugefügt und hinkt mit blutverschmiertem Schuhwerk zurück zum Strand). Im hellbraunen Gestrüpp der ausgetrockneten Brombeergebüsche leuchtet der ruhige matte Glanz der Dachziegelscherben. Hochgewachsene Salbeibüsche, Thymian, Wildrosen und Fenchel am Fuß der alten Zypressen. Zwanzigjährige Seekiefern ragen wie eine stumme Vogelbrut aus den Betonnestern des verwüsteten Maschinenraums. Fünfzig Meter weiter schießen sie aus kopflosen Turmzwergen der Schlafbaracken, Einzelzellen und fensterlosen Verhörzimmer in die Luft. Die Inseleiche hat sich die Büros und Magazine erobert, während die Wachttürme und Wasserspeicher von üppigen Wellen der Macchia umwuchert sind. Das dreistöckige, stark verwitterte Verwaltungsgebäude hat sich in einen morbiden Lichtschoß verwandelt, in dem die Wände aus verkrusteten Malschichten zu bestehen scheinen und womöglich nur durch den dunkelgrünen Schimmel zusammengehalten werden. Die Räume sind die wahren Kunstwerke einer malerisch aufblühenden Erosion. Die träge Inselzeit, diese großzügig verlangsamende Zerfallsvirtuosin, widmet hier jeder neu entfalteten Rose aus mürben Schichten der Ölfarben einen langen adriatischen Sommer.

Die Offiziershäuser sind ohne Beton gebaut, solide und ganz der heimischen Bautradition verpflichtet. So werden sie auch in der Zeit, in der es keine Klassenfeinde mehr geben wird, als Ruhestätten für die verdienten Genossen dienen können.

Wir segeln noch zur Insel Rab, wo die Ferienhäuser des kroatischen Justizministeriums sind. Hier verbringen die Verfolger der ehemaligen Verfolger ihre Ferien. Jetzt im Herbst erholt sich dort nur ein Ehepaar aus Zagreb, das den Sprachspieler, sobald er gesichtet wird, zu sich winkt und mit Kuchen und bosnischem Kaffee verkostet. »Schöner als im Sommer und gleichzeitig unheimlich still« sei es jetzt auf dem Hügel und in dem großen Ferienhaus. Dann werden die Zeichnungen bewundert, »alles Gute« gewünscht und der Blick haftet schon fest an der Geleescheibe des Abendmeeres, das wie ein betrunkener Pedant um jeden Preis alle möglichen Puzzleformen des Sonnenuntergangs durchspielen will. Ein paar Kilometer vor dem Hafen steigen über dem Festland schwarze Wolken auf und es fängt an zu blitzen. Am unterem Rand der Sturmfront schimmert das Wüstengold der untergegangenen Sonne, weiter östlich gießt es sich über die violett-rote Höllenlandschaft des schweren Wolkenwirbels aus. Niemand am Kai kümmert sich darum, niemand läuft eilig nach Hause, weder der Kellner noch die Gäste treffen Vorkehrungen gegen das Unwetter. Es ist der übliche Verdauungskrampf des Festlands, das sich sein Wasser vom Himmel holen muss.

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16

7 Sep

DIE SACKGASSEN DER SEHNSUCHT UND DIE PANTOMIME DES DENKENS

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DIE SOMMERFRISCHE

Die Köpfe kochen. Wir fliehen und retten aus der brennenden Stadt, was sich retten lässt; kistenweise Bücher, wild durcheinander gemischt; Romane, Erzählungen, Lyrik, Lexika, Sachbücher; Historisches, Philosophisches, auch Ausstellungskataloge, Bestimmungsbücher, Karten und Wanderführer. Ab in die Berge, weg von den glühenden Betonöfen! Unsere Kalkulation: Die frische Bergluft wird die Köpfe leise denken lassen. Unsere Hoffnung: Wir werden dem wilden Sommer entfliehen. Unsere Sehnsucht: Die Ruhe in der Natur finden. Die Stadt darf ruhig in Flammen untergehen, es ist uns egal – was uns am Herzen liegt, fährt mit!

Unsere Bilanz nach drei Wochen:

Die edle Absicht der Sommerfrische mündet in der unbändigen Jagd auf Kultur. … Es ist die ausgefeilte Strategie der Ablenkung und die altbekannte Dauerhektik, die die Leerstellen unserer geliehenen Identität auch hier ausfüllen müssen; Gipfel und Kirchen, Höhen- und Chronometer der Landschaft; Mineralogie und Archäologie, Fauna, Flora; Berghütten und Klöster, modernste Seilbahntechnik und die schöne Schmiedekunst der Bronzezeit. Und das abendliche Gespräch als bronchiale Übung in der starken Luft des Hochgebirges.

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DER TAUSCH

Allein die Kunst macht es für einige Stunden möglich: endlich frei, endlich Ruhe! Es ist der Skizzenblock, der die Stadt im Kopf zum Schweigen bringt. Denn Zeichnen und Denken vertragen sich nicht. (Ein Zeichner, der beides macht, ein Gelegenheitszeichner also, vermag bekanntlich nur das zu zeichnen, was er schon weiß und was er schon gesehen hat.)

Endlich frei, endlich Ruhe! Aber in die ersehnte Ruhe bohrt sich schon der Wurm des Zweifels. Denn der Künstler weiß über die künstlerische Freiheit Bescheid: Sie ist ein viel zu zartes Gefäß für die schwere Last der Sehnsucht.

Nicht selten schreiben die Zeichner deswegen, manche werden sogar »Schriftsteller«. Um wieder in das Alltägliche, wieder zu den Menschen zu finden. Denn es gibt ungleich weniger Zeichnungsleser als es Literaturleser gibt: Eine Zeichnung, die die zweistündige Beobachtung gespeichert hat, schaut man sich selten länger als eine Minute an. Ein Text dagegen, der nur ein paar zufällig erhaschte Augenblicke beschreibt, ist unter Umständen ein paar Seiten lang.

Hier sieht man die ungeheuere Speicherkapazität des Zeichnens und ebensolche »Beschränkung« des Schreibens. Die Zeichnung ist eine analoge, fein justierbare Abstraktion, während der Text eine endlich kodierte und deswegen eine umständliche Kunst ist. Eine Linie teilt widerstandslos mit. Und jeder weiß, dass hierbei eine innere, vorlesende Stimme – »der Übersetzer im Kopf« – überflüssig ist.

Sogar das »Ausgelassene« in der Zeichnung einer geübten Hand hängt sich freiwillig an die Linie, scheinbar ohne dass der Zeichner etwas dafür tun muss. Aus purer Spiellust, könnte man meinen. Es ist die hochartistische Mitteilungsakrobatik, die den kundigen Zeichnungsleser an die Linie fesselt. Denn das Motiv, das Betrachtete ist darin so bequem aufgehoben, dass es reichlich Platz für die Anmerkungen, die Exkurse und die vielfältigen Fußnoten von geradezu enzyklopädischen Dimensionen gibt. Der Raum der Linie ist bekanntlich der universelle Spielplatz der Spontanität.

Die Borges´sche Bibliothek aller möglichen Bücher würde neben der Sammlung aller möglichen Zeichnungen wie ein unscheinbarer, kleiner Schuppen aussehen. …

Allerdings kann allein der Zeichner, der nicht schreibt, als Meister seiner Kunst betrachtet werden. Denn nur ein von der Sehnsucht befreiter Sklave vermag das zarte Gefäß der künstlerischen Freiheit sorglos zu füllen. Der Zeichnungsleser ist ein Phantom, ein Platzhalter, eine Fiktion des unvollkommenen Künstlers.

Und der Sprachspieler? Seine Kunst ist ein Sonderfall, sie entsteht – wie manche seiner Leser schon wissen – in der gänzlich unbesetzten Zone zwischen dem Spiel und der Notwendigkeit. Er zeichnet, um besser sehen zu können; will er aber »Leser« haben, muss er schreiben. Das Schreiben setzt das Zeichnen immer voraus. Denn nur so ist eine unvoreingenommene Beobachtung möglich: Ohne Skizzenblock läuft man Gefahr, auf eine vulgäre, eintrainierte und daher »artistische« Weise ein »literarischer« Beobachter zu werden: Unmittelbar bevor das Sprachspiel anfängt, lauern schon die altbekannten Realitätsvokabeln, wie es Broch einmal formuliert hat*, auf das Beobachtete – das Spiel mündet in der staubigen literarischen Notwendigkeit. So angewendet ist das Zeichnen gewissermaßen die Syntax der literarischen Beobachtung.

Der zeichnende Sprachspieler hat sich um die eigene Meisterschaft getrickst und darf nun das zarte Gefäß der künstlerischen Freiheit sorglos füllen. Die längst erworbene Kunstfertigkeit im Zeichnen und die ungeheuere Speicherkapazität der Linie werden gegen die literarischen Möglichkeiten getauscht. Es ist die Logik des finanzartistischen Handels mit Optionen, die hier unangemeldet Anwendung findet.

Mit dem Ergebnis einer geliehenen sprachspielerischen Freiheit.

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DIE BÜCHER

Das Wetter ist schlecht, das heißt schön geworden: Sternschnuppen und stumme Lichtstürme, das enge Tal, der Fluss und die luftigen Unebenheiten im dichten Strom des Regens. Auf der Fensterscheibe der gläserne Staub mit den frisch gewaschenen Lichtern aus dem Tal. Ab und zu fährt ein Fahrzeug irgendwo flussabwärts. Stille. Die Stille der Natur erzeugt einen erstickenden Überdruss; ein gestaltloser Schmerz bedrückt die Leser. Sie lesen trotzdem weiter, jeder sein Buch. Die Bücher sind, was sie sind und was sie immer sein werden, die unpraktischen, staubaufwirbelnden Zeitvertreiber. Die wundersamen Sackgassen der Sehnsucht.

Der Pfad durch den Wald biegt unerwartet ins Freie – der Blick muss das ungeheuere Volumen der scharfen Bergkanten auf einmal verkraften. Die Karte wird ausgefaltet, das Fernglas an die Augen gelegt. Dann werden die Gipfel, Gämsen und Murmeltiere gezählt. Auch Vögel werden gesichtet und mithilfe eines Buchs bestimmt. Wieder geht es weiter durch den Wald. Dort werden Pflanzennamen gesucht, ein paar bunte Steinchen im Bach herausgelesen und in der Tasche verstaut. … Äpfel, Käse und Brot. Hundertjährige Stämme, Lichtungen. Unter nass gewordenen Fingern obszöne Erotik des Mooses. Das Wasser sickert förmlich aus dem Boden, überall fließen kleine Bäche und tropft der Stein. Aus dem Tal hallt der Verkehr und jault die Maschine. Eine unerklärliche, kälbrige Fügsamkeit lässt uns wieder zurück zum Pfad laufen.

Wanderführer, Bestimmungsbücher, Karten. Romane, Lexika, Lyrik. Sachbücher; Historisches, Philosophisches. Der hungrige Zählmechanismus des räuberischen Lesens darf weiter ticken. Gipfel und Klöster. Vögel, Gämsen, Murmeltiere. Und das Zeichnen als Pantomime des Denkens.

 

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* In dem Aufsatz »Das Weltbild des Romans« in »Hermann Broch Schriften zur Literatur 2«, Suhrkamp 1975.

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15

23 Aug

Die Trickkiste der Einsamkeit und die Epik des Kleinschreibens

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Frühnachmittag am Marienplatz. Beißende Sonne, ölige Luft. Harzige Finger. Stundenlang nur träge Bleistiftlinien, blasse Skizzen und gedankenlose Croquis. Das Notizbuch wird abgelegt.

Dann aber zuckt die Hand des Zeichners: – eine einsame Sturzwelle erhebt sich im ruhigen Meer des Sommers.

Haut und Knochen, das Gesicht: ein welkes Faltenbündel. Dünnes Haar wirr nach hinten gekämmt. Weißes Hemd, trotz der Hitze Krawatte. Lederschuhe. Die Sonnenbrille wird abgenommen und das welke Faltenbündel schnürt sich um – auf dem Gesicht des Mannes blitzt die komödiantische Mimik eines possenhaften Suchens auf. Dem Zeichner bleibt die Luft weg, denn es wird eine abgründige Burleske dargeboten; eine Entblößung, eine rückhaltlose Selbstdarstellung einer indifferenten Traurigkeit! Bedingungslose Kapitulation als schmissige Kabarettkunst. Dafür ein donnernder, mit Tränen begossener Applaus.

Ansonsten: der mühsame Kampf des Körpers; jede Geste ein schwermütiges Andenken an die Lust des Lebens, jeder Spaziergang der kräftezehrende Marsch durch die episodische Ewigkeit des Alltags. … Dann die plötzliche Umkehr. Lokalwechsel. Der Zeichner eilt mit. Neue Bleistiftskizzen: Bar, Bier, Zigarette, der papierene Trost des Zeitunglesens und die Zeit als unbezwingliche, matte Ödnis. Und trotzdem: Haut und Knochen machen vorbehaltlose Angebote an die Welt! Sie stellen sich rückhaltlos zur Schau als possenhafte Ohnmacht einer verklärten Verweigerung.

Und außerdem? An den Wänden der lärmenden Straßenschlucht steigt der Schattenpegel. Vorsprünge, Erker, Balkone und Atlanten sinken immer tiefer in den matten Bodensatz des abgekühlten Lichts. Scharf gezeichnete Fassadengliederungen, Ornamente, Gesimse und Aufsätze kommen langsam zu ihrer steinernen Ruhe zurück. Die gekippten Fenster der unteren Stockwerke dagegen wollen nicht abglühen.

Bar, Bier, Zigarette. Beißende Hitze, blank geputzte Lederschuhe und die burleske Ohnmacht als groß angelegte, lebensfüllende Epik einer theatralischen Routine. Der papierene Trost des Zeitunglesens. … Verschmierte Brillengläser, gebügeltes Stofftaschentuch. Ölige Luft, trübe Schatten und der sinkende Lichtpegel an den Wänden der lärmenden Straßenschlucht.

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Aber worüber reden wir eigentlich?

Wir reden über die Trickkiste der Einsamkeit. Über die wundersamen Zaubertruhen des Großstadtlebens, die der Sprachspieler so gern ausbeutet. Denn die Trickkisten der Einsamkeit sind zugleich bodenlose Spielzeugkisten und die unverzichtbaren Schatztruhen der artistischen Literatur!

Der Sprachspieler, zurückgezogen in seiner Weltkapsel, verzaubert vom Lauf der Dinge, geneigt, alles, was er mit seinen großen Augen erblickt, durch die Kunst des Kleinschreibens mit einer herzergreifenden Dringlichkeit zu versehen. Eine literarische Camouflage der Welt. Und eine durch taschendiebische Beobachtung hochoptimierte Sprachspielzeugproduktion.

Gläsernes Harz des Spätnachmittags, glühende Lichtbäder. Der ölige Teig der Hitze dehnt sich über den weiträumigen Platz. Der Künstler bleibt wach und wird zum diebischen Horizontforscher, der auf die einsamen Sturzwellen im glatten Meer des Sommers lauert.

Schauplatzwechsel im goldenen Schmelztiegel des Abends, weitere Bleistiftskizzen.

Im abendlichen Meer des Sommers glänzen und funkeln die weißen Möwen der Einsamkeit; die sehnsüchtigen Blicke hinter dem fortgleitenden Treibgut der Jugend. Ein guter Tag, fangschwangere Netze und der alltägliche Zauber aus der Trickkiste der Sehnsucht. Auch hier vereinzelte Sturzwellen. Kleine Gesellschaften; Freunde und Paare, die mit dem Sekt aus dem Supermarkt und mitgebrachten Gläsern den weiträumigen Stadtplatz bevölkern. Eine sommerliche Camouflage der Stadt, in der allein die vorbehaltlosen Angebote und die possenhafte Ohnmacht der verklärten Verweigerung keine Tarnung wollen.

Sie stellen sich freiwillig, nackt und unbestechlich zur Schau und verwandeln sich durch die rhapsodische Kunst des Kleinschreibens in die herzzerreißenden, bunt leuchtenden Dringlichkeiten.

Und der Haut-und-Knochen-Mann, ist er noch da? Ja, aber nicht mehr lange, denn sein Tag auf hoher See ist noch nicht zu Ende. Er faltet die Zeitung zusammen, lockert die Krawatte, nimmt die Brille ab und zieht sein komödiantisches Faltenbündel fest. Dann stürzt er sich wieder in die episodische Ödnis des Alltags. Eine letzte Bleistiftskizze und er ist weg.

Auf dem einsamen Marsch durch die episodische Ödnis des Alltags staut sich die Energie für das Aufbäumen neuer Sturzwellen. Auf ihren Schaumkronen, hoch über dem stillen Meer des Sommers, entsteht die theatralische Epik des Kleinschreibens. Es ist die lebensfüllende Routine einer theatralischen Sprachspielzeugproduktion, mit der die Trickkiste der Einsamkeit immer voll gehalten wird.

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