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Klangangeln

9 Jun

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Akkordeon, Gitarre, Kontrabass; ein Männer-Trio aus Bulgarien. Die Gesichter versteinert, die Augenbrauen hochgezogen, Pokerfaces. Einige Köpfe nicken im Rhythmus der Polka, der eine oder andere Hals reckt sich. Schultern geraten in Schwingung – tscha-tscha-tscha! Doch die meisten sind froh, als sie endlich Kleingeld in den Hut werfen und sich wieder ihrer Zeitung widmen können. Auch der Sprachspieler blättert schon weiter in seinem Buch. Doch das Ohr zwingt seine Augen, zur Seite zu blicken. Das Verstummen der Instrumente lässt das Gerausche und Geklirre im Lokal wie einen von einem Luftzug aufgewirbelten akustischen Staub klingen, der jetzt langsam wieder zu Boden sinkt. Die gesteigerte Aufmerksamkeit angelt nach weiteren Klangquellen: Ein prall aufgepumpter Ball schlägt mit aller Kraft gegen einen Gitterzaun und übertönt für einen kurzen Moment die Fülle metallener Geräusche vom Spielfeld, von denen jedes noch lange nachhallt und Assoziationen an die gewollte Kakofonie eines avantgardistischen Konzerts weckt.

Der Sportkäfig ist nicht das einzige Gerät für das experimentelle Klangangeln. Vor Ort – am Marienplatz in Stuttgart – befindet sich noch eine weitere, zwar pompös aggressive, aber dennoch raffinierte Klanganlage – der Heslacher Tunnel. Dieser raumfressende dunkle Schlund beschallt uns nicht mit Tönen, sondern prägt diese förmlich unseren Körpern auf. Das auseinanderströmende und wieder zusammengepresste Dröhnen noch weit entfernter Autos aus den verzweigten Tunnelröhren sammelt sich am Fuß des Berges zu einem kräftigen Frontalsturm auf den Resonanzkörper unserer Brusthöhle. In der Umgebung des Tunnels jedoch bleibt dieses Geräusch unbemerkt. Es umgeht die Ohrmuschel gänzlich und fließt, getränkt von ätzender Smog-Säure, restlos durch die weit geöffneten Nasenlöcher in die Atemwege und durch die Nebenhöhlen, und reizt erst hier, von dieser Seite, abebbend, – als der gruselige Abklang des giftigen städtischen Alltags – eher peripher das Trommelfell. (Kann man sich einen interessanteren Modulator für klangkünstlerische Interpretationen von Musik wünschen?!) An die Stelle des Ohrs, dem Beuysschen »Wahrnehmungsorgan für Plastik«, drängt sich hier die Nase; denn an dieser Stelle hört man die Architektur nicht, bevor man nicht ihre akustische Plastik »gerochen« hat. Die Plastik zeigt sich uns, umhüllt vom »Geruch« des Klangs, als ein eigenartiger Sinnesreiz olfaktorischer Taubheit. Und wirklich – ist es nicht der »Geruch« einer mit Klang beatmeten Taubheit, der so entsteht? … Mehr noch – ist nicht gerade dieser Geruch der Taubheit ein eingefangener synästhetischer Antikörper, mit dessen Hilfe sich das sonst affirmative Publikum akustischer Kunst vor den täglichen Frontalangriffen des großstädtischen Alltags schützt? … Ich setze mich in ein Lokal, nur einen Steinwurf vom Tunnel entfernt, schließe die Augen, fülle die Lungen und kneife die Nase zu. … Mit verschlossener Nase empfangen die Hohlräume der Ohren zunächst den Druck der vollen Lungen, das Trommelfell ist für einen Moment reglos, und erst dann formt es die Plastik des Raums. … Experimentelle Musik eignet sich bekanntlich besser zum Philosophieren als zum Zuhören. Der Sprachspieler pustet den trügerischen Geruch der Töne weg und öffnet die Augen – und hat schon neue Bittsteller der Straße vor der Nase! Wie nur haben sie ihn erschnüffelt?! Können sie Gedanken lesen? Woher taucht diese stimmlose Fraktion der Straßenschnorrer gerade jetzt – so passend! – auf, eine Person, die tut, als wäre sie taub?

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