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Heft No4

24 Dez

Druckfrisch, der neue Mislissippi-Lesestoff:

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DIE ARCHITEKTUR DER ZERBRÖSELUNG

Über die paradoxe Unverwundbarkeit der Schönheit

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Softcover, 190 S., 18 x 11 cm, ISBN 978-3-9816926-3-1

Buch

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Über das Buch

Željko Božičević zog sich während der Sommermonate des Jahres 2013 in seinen Garten, ein kleines Naturrefugium inmitten der schwäbischen Hauptstadt, zurück, um ein wahrhaftig gewagtes »avantgardistisches« Unterfangen zu beginnen: Er wollte nicht weniger, als ein für alle Mal das Rätsel der Schönheit zu lösen. Aber damit nicht genug! Der Avantgardekünstler möchte seinem Unterfangen noch eine literarische Probe beifügen, die das Geheimnis der Schönheit lüftet und zugleich artistisch demonstriert.
Die »Architektur der Zerbröselung« ist von einem nach Ausdruck und Tiefe gierenden, aber wohltemperierten Atmungsrhythmus durchzogen. Der Text verdichtet sich in luzide, beinahe parodistische Reflexionen über Gesellschaft und Kultur, über Alltag und Kunst. Der Autor betreibt eine satirische Kunstkritik, deutet Zeichen am Himmel und auf der Erde, holt Luft für eine scharfe Betrachtung eines »Artefakts« seiner Umgebung, aber letztendlich doch nur, um dadurch angestaute Energie auf der schwalbenartigen Flugbahn seiner poetischen Bilder in der Besinnung auf das Hier und Jetzt in der unabänderlichen Einfachheit des Augenblicks aufzulösen. In der tiefen Stille solcher Augenblicke stellt der verblüffte Künstler das Paradoxe einer »wahren« Schönheit fest: Sie ist mit unzähligen Narben übersät – und trotzdem unverwundbar, sie ist ein Paradoxon und somit (scheinbar) unergründlich. Aber wie fällt ihr Urteil, worüber reden wir überhaupt, wenn wir über sie reden? Die Brust des Erzählers setzt erneut zu einem tiefen Einatmen an und der Text füllt sich mit neuer Spannung. Bis zum letzten Satz ringen das Herz und der Kopf um die Vorherrschaft über das literarische Atmungsorgan des Autors und liefern 190 Seiten Schönheit – samt ihres Rätsels Lösung!

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Die Kunst des Samplings

17 Aug

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Oliver Prechtl „Ritornell“

PLP

Eine musikalische Architektur der Zerbröselung*

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Wehe uns, die einen Abstand zu unserer so maßlos überhitzten Welt suchen! Wehe dem Künstler, der im Kochkessel unserer Reizneurosen nicht mitbaden will! Eine gähnende Langeweile, vor der alle Welt panische Angst zu haben scheint, droht auch seine Kunst zu verschlingen. Und tatsächlich: Was soll der Künstler jetzt – da arbeitslos – machen? Ist er etwa frei geworden, darf er jetzt tun, was er will? Das kann nicht sein, das klingt irgendwie viel zu einfach, ja ein bisschen pubertär, und es hört sich irgendwie altbacken an – hat man nicht schon unzählige Male vergeblich die Welt verlassen (wollen)? Trotzdem – Langeweile als Schicksal? Wie eine kunstvolle Tarnkappe thront sie über unserer senilen Kindsköpfigkeit, mit der wir dem Klang der Welt lauschen. Denn allein aus der Perspektive eines Gähnenden scheint alles noch »interessant«, »spannend«, »aufregend«, gar möglich zu sein.

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Es ist das »postmoderne« – ja, diesen Begriff haben wir lange nicht mehr gehört – Spiel mit Identitäten, das uns den Spaß am Kunstspiel verdorben hat. Aussuchen, ausschneiden, kombinieren, montieren, festkleben. Spielen und das Neue provozieren. Es ist eine ausgefeilte, feingetunte Wahrnehmungsmechanik, mit der wir immerwährend »neue« Bedeutungen aus dem Inventar unserer müden Kultur herauszureizen versuchen. … Freilich, mit diesem artistischen Kunstspiel wird nicht mehr eine verkrustete Weltanschauung herausgefordert – denn längst leben wir in einer rastlosen, von Handlungsdurst geplagten what‘s-next?-Kultur (1) –, sondern, neben unserer Geduld, höchstens noch unsere Ausdau- er, mit der wir unsere Spielgelüste verzweifelt vom Gewöhnlichen abzugrenzen suchen. In Wirklichkeit wissen wir nicht, was wir machen. Denn wir haben die Fähigkeit eingebüßt, das Spiel von der Notwendigkeit in unserer Kunst zu unterscheiden. Wollen wir spielen, rätseln wir, ob unsere Kunst gesellschaftlich relevant sei, denn der Künstler ahnt, dass das Spiel ohne das Bedürfnis einer »Botschaft«, die es »notwendig« macht, eine Sackgasse ist. Machen wir Kunst oder haben wir bloß Angst vor dem gähnenden Ra- chen der Langeweile? Basteln und werkeln wir an unseren Werken bloß, weil wir gerade nichts Besseres zu tun haben?

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»Die Mode ist jeder Vergangenheit Zeitgenosse.« (2)

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Die Collage ist das älteste Spiel mit den Identitäten der Dinge. In ihr wird das aus Altem frisch gebastelte »Neue«, das bekanntlich das Knochengerüst der Mode ist, tatsächlich jeder Vergangenheit Zeitgenosse. Kunstvolle Kontextverschiebungen, Verzerrungen; in- einander kopierte Stimmungen, Stimmen, Bilder, Klänge verwan- deln sich mit der Technik der Collage in wundersame Aussagen, die Teil einer scheinbar unendlichen, neuartigen, alles versprechenden Deutungskombinatorik wurden. Wie wir wissen, schien die Welt dadurch von einer bleiernen Eindeutigkeit zunächst tat- sächlich befreit zu werden. Erinnern wir uns nur der Meisterwerke der Malerei oder der Filmkunst (z. B. von Picasso oder Joseph Cornell)! Bekanntlich ist die letze Stufe derartiger »Befreiung« – wenn alle Puzzlebilder der Collagekunst durchmischt und sämtliche Deutungsrechte veräußert sind – die Beliebigkeit. »Es steht nicht mehr ein ganzer Mensch einer ganzen Welt gegenüber, sondern ein menschliches Etwas bewegt sich in einer allgemeinen Nährflüssigkeit.« (3) Sampling ist somit nicht nur die weitverbreitete und von Künstlern und Musikenthusiasten bevorzugte Arbeitsmethode, sondern längst unser Schicksal geworden. So nimmt die Collagekunst, die unaufhörlich um das »Neue« würfeln muss, an dem Lebenden die Rechte der Leiche wahr. (4)

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Und jetzt?

»We defy augury.« (5)

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Auch die hier versammelten Collagestücke recyceln die fossile Energie einer Klangwelt, die unter dem ungeheueren Druck einer morbiden Belanglosigkeit der modernen Welt zu einer »allgemeinen Nährflüssigkeit« gepresst wurde. Oliver Prechtl, der stille Held unserer kleinen gesellschaftskritischen Erzählung, versucht aller- dings mithilfe einer geschulten künstlerischen Dringlichkeit, eine umgekehrte Richtung einzuschlagen: Und tatsächlich – aus dem fossilen Energiebrei von Musik, Klang, Stimme … entstehen wieder »feste« Klangkörper. Das Wundersame dieser Kunst ist, dass sie ihre solide, voluminöse Klangplastik paradoxerweise mit der Technik einer musikalischen Zerbröselung modelliert! Es ist eine theatralische, komödiantische, manchmal paranoide, an die Szenen einer filmischen Verfolgungsjagd erinnernde und manchmal melancholisch in klaustrophobische Stimmungen einer kupferwarmen Erinnerung verwebte Verfremdung des Materials, die hier am Werk ist. Die musikalischen Festkörper bilden sich aus den Ahnungen eines organischen Wachstumsprozesses, der die Tarnkappe der Langeweile – die Überraschung kann nicht größer sein – durch ein kunstvolles, artistisches Gähngeräusch zum Verschwinden bringt.

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Sampling als Schicksal, die Notwendigkeit des Spielens und eine paradoxe Kunst, indem der Künstler zum Baumeister einer musikalischen Architektur der Zerbröselung ernannt wird.

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© Željko Božičević 2014

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Ritornell
Oliver Prechtl
Schallplattenproduktion 2015

Mastering: Ralv Milberg
Bild: „Privatweg“ von Maria Gideon
* Text Innenhülle: Željko Božičević
Lektorat: Marion Schäuble
Grafische Gestaltung: Volker Kühn
Konzeption und Produktion: Oliver Prechtl

Im Internet: Klangprofile

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1) Vergleiche Željko Božičević, Die Kunst des unbeschwerten Entsagens, Stuttgart 2013, S. 50. 2) Walter Benjamin, Das Passagen-Werk, Frankfurt am Main 1982, S. 1243. 3) Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, Hamburg 1952, S. 217. 4) Bei Benjamin [ebd., Band V-1, S. 51] ist es die Mode: »An dem Lebenden nimmt sie die Rechte der Leiche wahr«. 5) William Shakespeare, Hamlet, London 1996, S. 195.

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Die Grammatik der Zerbröselung

16 Apr

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Ein Exkurs über  das Phänomen der paradoxen Unverwundbarkeit der Schönheit  im Werk des kroatischen Kunsthistorikers und Schriftstellers Matko Peić *

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»[…] dass die Schönheit in Wirklichkeit der Zerfall ist.«

M. Peić

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In der Gartenbibliothek des avantgardistischen Naturforschers gibt es nur ein Werk, dafür aber ein Standardwerk über unser Thema: das Buch »Skitnje« von Matko Peić, der wohl zu den besten Kennern der Geheimnisse von der unverwundbaren Schönheit zählen dürfte. Es liegt allerdings auf der Hand, dass dieses Werk wahrscheinlich für alle Zeiten unübersetzt bleiben wird … und soll. Denn jede Landschaft und jeder von Menschen bewohnte Landstreifen der Erde kann nur einen eigenen »Kenner« und einen eigenen Aporetiker der unverwundbaren Schönheit haben. Sämtliche Möglichkeiten einer Sprache, ihre ganze Mitteilungs- und Deutungsvitalität samt aller ihrer fossilen Ablagerungen, die bekanntlich alle unverkennbaren Prägungen der Landschaft sind, sind dafür notwendig.

Peićs künstlerische Beobachtungstechnik ist von einem unverfälschten, ungezügelten ja, geradezu beispielhaften Vitalismus geprägt. Sie ist nach der künstlerischen Strategie einer raffiniert unsichtbaren Freiheit konzipiert, die dem Künstler ungestraft alles erlaubt: Peić beobachtet das Land und die Menschen, vorzugweise den östlichen Teil Kroatiens, »unser Slawonien«, mit beinahe fatalistischer, weil wahrhaft aporistischer Unerschrockenheit: Er schreibt aus einem scheinbar astronomischen, in Wirklichkeit aber nur artistischen, das heißt illusionistischen Abstand – den der verblüffte Leser gar nicht bemerkt! – nur, um bei den unerbittlichen Aufzählungen des Lebens keine Hierarchien aufstellen, keiner Wertvorstellung folgen zu müssen, und daher gänzlich moralfrei bleiben zu können. Der Leser denkt nicht daran, die Frage zu stellen, womit er diese Freiheit legitimieren möchte!

Die Schönheit ist unverwundbar, mehr noch: Bei Peić ist sie mit einer unerbittlichen, von einem kunstvollen Narbennetz verzierten Lebensdringlichkeit gepanzert! Er muss ihre Unverwundbarkeit nicht einmal zum Thema machen. Denn tatsächlich – ist sie nicht offensichtlich, hier auf der Anlaufpiste des Balkans, das heißt auf dem Gebiet, in dem die Identitäten unwiderruflich zum Schmelzen ansetzen, und wo man sie schon tausend mal »gefoltert« hat und sie immer noch täglich brutalst misshandelt? … Das endlose Aufzählen ihrer Verstümmelungen, Peićs »Kunst einer gemütsruhigen Wiederholung«; der breite, für-alles-Zeit-habende pannonische Erzählfluss, in dem bei Bedarf jedes Tröpfchen und jedes Körnchen einzeln betrachtet werden könnte: Abermillionen von Geburten von Tier und Mensch, von Wald, Fluss und Stein, ihr Tod und das Leben, das, davon unberührt, immerfort weitere Spuren hinterlässt. Nichts davon ist ein Anlass zum Klagen, es gibt keinen einzigen Weltschmerz auch nur andeutenden Satz, geschweige denn eine Spur des ansonsten so unwiderstehlichen, soghaften Kulturpessimismus. Dafür ist die Schönheit der Welt einfach zu robust – ihr Komplement finden wir in seiner urigen literarischen Artistik: Sie ist großepisch durch miniaturistische Häufung – Peić notiert alles unmittelbar »im Gehen« – und bodenlos alles aufwertend, weil in das Starke verliebt. Sein Meisterwerk, »Skitnje« (Herumstrolchen, Wanderungen), erschienen im Jahr 1967, verzichtet auf jeglichen Kommentar, um restlos alles frei für ein unerbittliches Darstellen zu machen … und um das Beobachtete nicht durch »Meinungen« kleingeistig zu kontaminieren. …

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Und nun, wozu diese für den deutschsprachigen Leser unüberprüfbaren Anmerkungen? Einfach so, als kleine Notiz. Als Würdigung? Ja. … Und als Selbstermahnung für den Künstler, immer daran zu denken, dass die Hauptaufgabe der Kunst darin liegt, die Welt aus dem Bewusstsein einer prachtvollen Einfachheit her zu beobachten, die jedem Augenblick innewohnt und aus jedem Moment einen zuverlässigen, mehr noch: den einzig wirklich sinnvollen Ausgangspunkt jeder künstlerischen Tätigkeit macht. … Aber wir sind noch nicht fertig, fahren wir fort:

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Die Kleinigkeiten

Man kann bei Peić tatsächlich, wie der Sprachspieler in einem früheren Notizbuch vermerkte, von der nackten Intime einer namenlosen Zugehörigkeit sprechen: Die für fest angesehenen Identitäten zerfließen im weichen Flüsterton eines alles versprechenden Erzählflusses, der Leser fühlt eine umarmende Gerborgenheit in einem ihm gänzlich neuen, wundersamen Raum zwischen dem Spiel und der Notwendigkeit. Und – man liest Peićs Bücher jenseits aller auswendig gelernten Leser-Rollen. Denn solche Kunst behandelt keine gesellschaftlichen oder sonstigen »Kontroversen«, das hat sie nicht nötig. Sie ist selbst kontrovers, weil sie nicht einmal vorhat, die »Schuld« der Sprache zu begleichen – dazu hat sie das Kleingeld nicht dabei. Ihre trügerische Zeichenwelt und die Türme ihrer manischen Welterklärungen werden mit der Leichtigkeit einer hochartistischen Akrobatik einfach überflogen! Die Erzählgrammatik dieser Kunst ist paradox – unmerklich häutet sie die Namen von den Dingen ab, indem sie ihre Bedeutungen in unzähligen Beobachtungsminiaturen kunstvoll über die Landschaft verstreut und dahinschweben lässt, sie durch groteske Wendungen »neutralisiert«, durch waghalsige Verheißungen der ausschweifenden Wortkonglomerate »transparent« und konturenlos macht. An einer Stelle im Buch »Skitnje« schreibt der Künstler: »Einen Reisebericht schreiben […] heißt, das breite Leben schreiben: mit der Kleinigkeit«. In »Ljubav na putu« (Liebe auf dem Weg) steht: »… ich fange an zu fühlen, zu erkennen, dass man in dieser Landschaft nicht anders schreiben könnte, als in der Art der kleinen Diebstähle, des fröhlichen Abzupfens der Graswipfel und Beeren – dieser süßen Kleinigkeiten«. Es ist eine künstlerische, mit einer unverfälschten Liebe protokollierte Behauptung der Landschaft mittels Sprache. Das Ergebnis ist eine robuste, artistische Grammatik der Zerbröselung, die imstande ist, die beobachtete Welt und ihre mit tausendjährigem Wissenspuder bestaubte, anonyme Schönheit aus erzählerischen »Kleinigkeiten« erahnen zu lassen!

Wenn ein solches Kunstwerk gelingt, dann platzt eine auswendig gelernte, dick gepuderte, schlau getarnte, triebhafte Selbstvergessenheit in unseren Artistenköpfen unwiderruflich und klangvoll auseinander. …

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Die prachtvolle Einfachheit des Augenblicks ist der treueste Bürge der Kunst.

Eine aporistische Unerschrockenheit, die Optik des illusionistischen Abstands und die Astronomie einer raffinierten Freiheit, die ganz ohne Kommentar auskommt. Es ist eine unübersetzbare Beobachtung, in der die Identität und Integrität dicht nebeneinander beheimatet – beinahe als Synonyme – ihre festliche Vergänglichkeit feiern. Die »Heimat« dieser Kunst ist der stille Raum zwischen dem Spiel und der Notwendigkeit. Dort kann man eine verblüffende Entdeckung machen: Das paradoxe Wesen der Kunst ist das Staunen über ihre Leistung.

Und der Leser hat etwas gelernt: Die Kunst, die kontroverse Inhalte behandelt, ohne selbst kontrovers zu sein, verwandelt sich in eine triebhafte, staubgepuderte, schlau getarnte, Selbstvergessenheit.

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Matko PeićMatko Peić (1923 – 1999)

 

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* aus dem Buch „Architektur der Zerbröselung“ (Erscheinungstermin vsl. Herbs 2015)

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Der Stecknadelkoloss

30 Mrz

1

Frankfurter Allee

Der volumenschwangere Platzhalter für eine klaustrophobische Leere

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Berlin. Café Tasso als zentralperspektivische Warte auf der Frankfurter Allee. Die straffgezogenen Fluchtlinien sind kunstvolle architektonische Gefängnisgitter, die den Blick gekonnt zu einer sanften Unfreiheit verführen. In Wirklichkeit ist der Betrachter im Käfig einer größenwahnsinnigen Chimäre gefangen, die weder Straße noch Schlucht ist.

Die Luft ist mit weißem Staub gepudert, der mächtige, fachmännisch begradigte Windfluss scheint mit dem Licht zu spielen, indem er die Schatten von der Straße immer wieder fortbläst. Die Schattenseiten der Häuser dagegen sind auf der weiträumigen Allee die einzig verlässlichen Volumenträger. Wenn sie in der Sonne liegen, wirken die üppigen Kachelfassaden der sozialistischen Paläste mit ihrem schönen, melancholischen Glanz viel zu unwirklich, um als Tragfläche dienen zu können. Nichtsdestotrotz strebt alles dahin, sich plastisch zu verwirklichen. Platzergreifend türmt sich alles ins Unermessliche; die wahnwitzige Stadt scheint hier, um jeden Preis größer, ja zwanghaft mächtiger sein zu müssen. Diese Raumbesessenheit wird von Gärungen eines abgestorbenen Wahnsinns getrieben, der von hier aus Jahrzehnte lang in alle Welt ausstrahlte und jetzt dazu verurteilt ist, als morbide touristische Attraktion unserer konsumistischen Belanglosigkeit die Stirn zu bieten. Selbst die leeren Zwischenräume sind grotesk verkrustete Volumenahnungen, die wie schwere Platzhalter für eine wandlose Klaustrophobie auf einen labilen Beobachter lauern. … Melancholie und Paranoia als kindsköpfige Baumeister einer mörderischen Selbstvergessenheit. … Man staunt, solange das Lächerliche noch eine gewisse Komik zu bieten hat.

Und trotzdem …,

trotz alledem breitet sich im Herz des Künstlers ein namenloses Mitleid aus: Es ist eine verborgene, in blinder Wut eingemauerte, blind gewordene jungfräuliche Schönheit, die uns von den Turmspitzen des gekachelten Raumkäfigs aus ihre traurigen Abschiedsgrüße sendet.

Aber Vorsicht!

Wir, die im Käfig des Sozialismus aufgewachsen sind, müssen hier achtgeben und gut aufpassen, um die Erinnerung an die Hoffnung der Jugend nicht restlos mit der hoffnungslosen Schönheit dieser blankpolierten Ruinen zu verwechseln. Denn allein ihre bodenlose Vergeblichkeit verleiht dieser Architektur die Würde einer verstümmelten Schönheit! Sie ist lediglich dazu da, um sich immerwährend von uns zu verabschieden.

Der letzte Blick gilt den Bäumen, deren schimmernde Laubwerke einen lautlosen Sklaventanz im summenden, stark befahrenen Windkanal vorführen.

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Der Raum aus bizarren Volumenahnungen, die den Wahrnehmungsapparat eines labilen Beobachters mit einer paranoiden Melancholie und einer klaustrophobischen Leere zu überfluten drohen. Das Herz wird zum ungewollten Platzhalter für die verkrustete Geometrie eines fachmännisch begradigten Formflusses, der das Auge zum Mündungskanal einer beklemmenden Angstneurose macht.

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Dann ist es so weit – ohne Vorwarnung wird der Betrachter plötzlich aus dem architektonischen Käfig entlassen. Allmählich, mit dem bedrückenden Gefühl einer aufgedrängten Freiheit, verlässt er die einäugige Geometrie der Straße und fängt an, sich eine andere Beschäftigung zu suchen. Einem labilen Beobachter allerdings, der hier meistens in Gestalt eines touristischen Stadtbesuchers auftritt, kann dies zum Verhängnis werden. Er hat hier nicht nur nichts mehr zu tun, er wird von einem breit gähnenden Nichts, das sich in ihm auftut und das eine bezugslose Nervosität herbeiführt, heimgesucht! – die Faszination weicht nun endgültig dem Unbehagen und legt dabei die Wunde einer anonymen Unsicherheit frei. Nach einer Weile ist der labile Beobachter gezwungen, sich in das pittoreske Gassenlabyrinth des Friedrichshains zu retten, wo reihenweise kleine, gemütliche Cafés und sonderbare Kneipen auf ihn warten.

Der Sprachspieler dagegen hat es leicht. Er hat eine solide zeichnerische Beobachtungstechnik und widmet sich einfach den Baumkronen und Passanten. Eine dringliche, fingerkitzelnde Lust lässt ihn Dutzende Einzelblätter mit Porträts füllen: Radfahrer und auf die U-Bahn eilende Fahrgäste, die, sooft sie den Fuß auf die Straße setzen, sie schnellstmöglich zu verlassen trachten. Die einzige Gelegenheit, diese Menschen zu porträtieren, bietet sich, wenn sie am Straßenrand auf das Grün der Ampel warten.

Aber die aufgedrängte Freiheit ist zu billig, man kann sie unmöglich ohne Widerstand annehmen – der stolze Künstler will sich selbst befreien! Die größenwahnsinnige Chimäre, die zu dieser Stunde im nachmittäglichen Sonnengold badet, bietet reichlich Gelegenheit dazu. Die drahtigen, kopflosen Hälse der Straße ziehen mit ihrer gewaltigen Strichgrafik den Blick erneut auf sich, sodass der kampflustige Zeichner weiter staunen und weiter das schon hundertmal Wahrgenommene protokollieren muss. Ein manischer Durst nach Beobachtung muss sich des entflogenen Käfigs noch einmal vergewissern; noch einmal muss erlebt werden, wie sich die monströsen Glieder der Stadt in westlicher Richtung in das burleske Beiwerk einer großstädtischen Raummegalomanie verdichten und den Gipfel ihrer Albernheit im Stecknadelkoloss des Fernsehturms erreichen. Noch einmal muss man Zeuge sein, wie sich in der um einhundertachtzig Grad gewendeten Perspektive das Netzwerk der versteiften Raumsehnen in einem verwaschenen Fluchtpunkt irgendwo unter dem flachen Himmel der Vororte zuspitzt … und den Betrachter schließlich zum Gähnen einlädt. Und spätestens hier muss er auflachen:

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Die protzige Tyrannei der Großformen hat keinen Bestand, sie wird immer nur von kurzer Dauer bleiben – zu dümmlich sind ihre kindsköpfigen Machtansprüche, zu belanglos ihre morbiden Lebensversprechungen. Man staunt, solange das Lächerliche noch eine gewisse Komik aufrechterhalten kann.

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Dann darf der Zeichner wieder Kunst machen. Er widmet sich den säulenartigen Wolkenformen, die sich, wie eine Komödiantentruppe weiß gepuderter Bleiriesen, über die glänzende Keramik der glühenden Legostein-Fassaden lustig machen.

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2

Beauty and the Beast

Plastikkörbe und Kartons, Berge und Stapel; papierene Architekturmegalomanie der großstädtischen Müßiggänger. Im Café Tasso, das gleichzeitig ein Antiquariat ist, wird vor allem mit Klassikern gehandelt; Romane, Erzählungen, Künstlermonografien, Bücher über Musik, Geschichte, Politik und Wissenschaft. Stückpreis 1 Euro. Im westlichen Flügel der Papierfestung, wo Bücher über Medizin, Sport, gesunde Ernährung und richtigen Lebenswandel stehen, ist es einsam. Denn in diesem Lokal werden hauptsächlich Zigaretten und Kaffee konsumiert. Die Gäste sind zwei langbärtige Studenten und eine Sammlung betagter, rotbackiger Tagediebe. … Ruinöse Schädel, gelbe Augäpfel, schiefe Zähne, im Mundwinkel eine leonardihaft lächelnde Schattenwolke. Dann taucht ein Literatenpärchen auf. Die Frau ist jung, der Mann über sechzig. Die Hand der Frau wandert mit einem Bleistift über ein Manuskript und kritzelt nervös Grafiken auf die Textränder. Ein Theaterstück? Die Frau erzählt, der Mann raucht ein Zigarillo und nickt. Immer wieder blicken sich die Leute unwillkürlich um und suchen die Quelle des süßlichen Zigarillogeschmacks. Ihre Gedanken sind gut lesbar: the Beauty and the Beast.

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Ein taubenweiches Doppelkinn unter den scharlachroten Lippen, stark behaarte, mit Krampfadern übersäte Backen. Unter dem grauen Gestrüpp der Augenbrauen mit Falten umkränzte Müdigkeit. Und ein funkelnder Porzellanglanz aus einer türkisgepuderten Hauttasche im Schatten des zarten Tränenbeins.

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Am Brunnen beschnüffeln sich Hunde, während die Hundebesitzer stumm danebenstehen und rauchen. Auf der Wiese vor dem Lokal trägt ein hochgewachsener, magerer Mann sein Kind im Babytuch, in der Hand eine zerlesene Zeitung. Ein hölzernes Spielzeug baumelt an der Schnur. … Drei Schritte weiter, in der prallen Sonne, schnarcht auf der Sitzbank ein Junge, den man nach einem nächtlichen Saufgelage hier zum Ausnüchtern abgelegt hat. In Reichweite stehen leere Bierflaschen, die das gefärbte Sonnenlicht mit stechender Brechkraft über das graue Pflaster gießen. Ein Wunder, dass sie noch nicht von den flaschensammelnden Rentnern entdeckt worden sind.

Wie verabredet verabschieden sich die Hundebesitzer und ziehen mit ihren hüpfenden, für die lustige Linienakrobatik wie geschaffenen Hunden los. Der zeichnerische Höhepunkt sollte aber erst noch kommen: Auch das Literatenpärchen steht auf und verkleinert sich langsam, zusammen mit Häusern, Bäumen und Straßenlampen entlang der strengen, zentralperspektivischen Fluchtlinie des raumschluckenden Straßenkolosses – bis dem Zeichner nichts anderes übrig bleibt, als anstelle ihrer Körper zwei Punkte zu setzen:

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Plastikkörbe, Kartons, Berge und Stapel. Eine Literaturbrüstung und die nervösen Luftgrafiken des Zigarillorauchs. Babys und Hunde; literarische Monster und theatralische Schönheiten; die musischen Chimären der papierenen Architektur. Die Stadt als komödiantisches Beiwerk einer bleiernen Raummegalomanie. Und als Belustigung für die breit gähnenden Puderriesen um den glänzenden Stecknadelkoloss der architektonischen Albernheit.

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Die Kindersoldaten der Kunst

9 Mrz

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Das Volumen des Wartens


»Was sie wirklich brauchen, was sie nicht mehr entbehren können, ist die wieder und wieder erneuerte Lust am Überleben.«

Elias Canetti

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1

Wie eine schwarze Lokomotive, mit der dunklen Kraft afrikanischer Steinkohle angetrieben, schlägt sich eine Frau durch die Menge. Eigentlich noch ein Kind, großgewachsen, stark übergewichtig. Unter schweren Augenbrauen der strenge Blick der Pubertätskriegerin. Tiefe Stirnfalten und eine drahtig buschige Mähne. Die Hände: mächtige Zylinder; die Schultern: tragende Plattformen. Aber die Fingernägel sind silbern, rot und golden lackiert und glänzen in der tiefstehenden Sonne wie Edelsteine. Dann ein kurzer Seitenblick – und weg ist sie! Auf der Rye Lane ist alles unvorhersehbar, richtungslos und unschlüssig – in das Unabsehbare hineingezerrte Vorläufigkeit des städtischen Nomadenlebens.

Rye Lane ist die Oxford Street Peckhams. Über ihre ganze Länge hinweg reihen sich kleine Geschäfte: afro-karibische Läden, Gemüsestände, Kioske, Discounter, Metzgereien, Obstbuden, Textilgeschäfte, Callshops, Waschsalons, Alles-für-1-Pfund-Läden, Bäckereien, Friseurläden, Kosmetiksalons … Die Letzteren sind klar in der Überzahl, es gibt sie dutzendweise, Beauty Stores und Beauty-, Nail-, Hairdressing- und Modern Hairstyle Salons. In diesen Schönheitsspelunken treffen sich die Nachbarn, Schwestern, Freundinnen, Töchter und Enkeltöchter, um unter dem Vorwand der Körperpflege die Zeit des eingefleischten Wartens totzuschlagen. Denn auf der Rye Lane ist das Warten die beherrschende Technik des Lebens. Gewartet wird überall: im Gehen, auf der Sitzbank, im Bus, vor dem Laden, im Laden, im Auto, auf dem Fahrrad, am Fenster, vor dem Haus, mit Handy am Ohr, kauend, rauchend, spuckend, mit dem Kind auf dem Arm, im Kinderwagen, auf dem Schoß, an der Hand.

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Das Warten ist die praktische Alltagskunst der heimisch gewordenen Nomaden; eine bewährte Lebenstechnik und der eingefleischte Soft Skill eines trotzigen Aufgebens. Die Zeit auf der Rye Lane ist ein mürbes Volumen des Wartens. In der tiefstehenden Sonne leuchten die Schaufenster der Kosmetiksalons wie verlorene Edelsteine.

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2

Und was soll man hier anderes tun als mit dem durstigen Blick in den schläfrigen Fluss der Straße einzutauchen, in das verträumte Volumen der müde schlummernden Zeit? Dabei drängt sich wie von selbst die handfeste bildhauerische Beobachtungstechnik auf. Jede Fläche, jede Linie, jedes Relief und jede »Plastik« aktiviert die Haptik der Hand und treibt die elektrische Energie in die Fingerspitzen. Das Auge wird zum Werkzeug der Hand, die – handlungsdurstig – mal das Kinn kratzt, mal mit dem Kleingeld in der Hosentasche spielt.

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Die malzige Plastik des Passantenstroms. Die Gesichter sind Reliefe des Wartens; die Körper Plastiken des Hinauszögerns. Der Bildhauer kreist mit seinem haptischen Blick um die schwarze Knetmasse des Wartens: um den glatten Backenknochen, über die vollen Wangen und über die glänzende Stirn. Seine Fingeraugen schneiden in die dunklen Plastilinberge breit aufgequollene Lippen ein, bohren mächtige Nasenlöcher und spielen im Grübchen der Nasenwurzel.

Dürfte er nur seine Hände an diese Backen legen, den Scheitel berühren, den Hinterkopf unter dem schwarzen Draht fassen!

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3

Der Doppelagent der Herkunft

Es hat sich also nichts verändert; wochen- und monatelang glüht in London immer wieder die gleiche, tief im Innern des Sprachspielers schwelende Leidenschaft auf. Von der schwarzen Fremdheit kann er nie genug haben! Wie die Türken, Afghanen und Araber in Berlin starrt er auch diese Menschen mit heimlicher Hungrigkeit stundenlang an, läuft schamlos durch ihre Straßen, bespitzelt sie, zeichnet und »modelliert« mit Bildhaueraugen ihre Köpfe nach. … Weil sie die echten, unverfälschten Fremden sind? Und nicht wie er, der er immer nur ein lausiger Müßiggänger des Fremdseins geblieben ist; ein eingefleischter Spieler und Trickser des Heimischseins, ein Doppelagent der Herkunft im dicken, identitätsabweisenden Brustpanzer.

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Türken, Inder, Afghanen, Araber, Jamaikaner, Afrikaner … Darunter: der lausige Doppelagent der Herkunft … Eine leere Sitzbank, die Bildhaueraugen und die unschlüssige Hand des Zeichners unter dem lähmenden Eindruck einer abgrundtiefen Vorläufigkeit.

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Die Negativformen des Lebens

Den Eindruck einer allgemeinen Vorläufigkeit verstärkt die staubige Unverbindlichkeit der verbrauchten Architektur. Worauf warten all diese lächerlichen Miniaturen aus niedlichem Ziegelstein? Dass man sie renoviert, hier in Peckham? Von wegen, könnte man meinen. Aber nur 300 Meter entfernt stehen schon die ersten Porsche vor frisch verputzten Häusern. Auf der Rye Lane dagegen sind die Ziegelsteinbehausungen – diese vergessenen Legosteine, dieser viktorianische Witz – nach wie vor schmuddelige Schlupflöcher. Man bewohnt sie, wie Landstreicher bei Unwetter verlassene Hütten bewohnen: ohne Bezug, ohne Neugierde, gleichgültig gegenüber allem, was nicht zum unmittelbaren Zufluchtszweck dient … Im flüchtig besetzten Raum des Wartens zählt nur das Praktische.

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Peckham Rye ist ein Sammelbecken für die artistischen Meister der Vorläufigkeit, die, gestrandet auf dem Trockenboden europäischer Ruinen, eine anständige Wohnung mit der voluminösen Plastik des Wartens kompensieren.

Die schwarzen Körpermassive verdrängen den Raum um sich herum in die engen, zerbrechlichen Luftspalten und bilden auf dem Bürgersteig konkave Klüfte aus dichtem Lichtharz. Auf diese Weise entsteht das poröse Plastilin des Wartens. Die Bildhauer könnten sie nachbilden und eine Stadt aus den Negativformen des Lebens bauen.

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5

Die mürben Zwischenräume des Wartens

Fast alle Stockwerke über den Läden sind leer. Zerbrochene Fenster, staubige Gardinenreste, mürbes Holz. Häuser in der schönen Selbstständigkeit eines stillen Zerfalls. In der Nähe der Bahnstation wehen Geruchsfahnen von rohem Fleisch, Hunderte Hähnchenschenkel bilden meterhohe Fleischpyramiden. Als Schmuck hängen federlose Hühnerleiber mit rotbekrönten Köpfen um die Theke. Die roten Hahnenkämme sehen auf den ersten Blick aus wie Rosenblätter und verleihen der Metzgerei das Aussehen eines Voodoo-Tempels. Und hier sieht man auch, womöglich erst wegen der Hühnerhaut gleichenden Hautfarbe herbeibemerkt, die ersten Weißen. Nein, es stimmt nicht, nicht die Hautfarbe ist entscheidend, es ist etwas anderes, was sie verrät: Ihre Körperformen – allesamt junge Menschen, beinahe Kinder! – passen nicht in die konkaven Plastilinspalten, nicht in die weiten mürben Zwischenräume des Wartens! Die Fremdlinge verraten sich durch die tollpatschigen Bewegungen ahnungsloser Eindringlinge und – der Bildhauer muss sich hier an den Kopf fassen – lassen die durch die harzigen Luftkrusten des Wartens soeben eingepressten Formen der negativen Stadt durchbrochen hinter sich: Ihre Schritte mischen sich in die möbiusschleifene Choreografie des Herumtreibens, in die gläserne Ornamentik einer opaken Spiegelvariante des Zenonschen Wettlaufs mit der Zeit, und verursachen unwissentlich peinliche Kratzwunden im gläsernen Volumen des Wartens. Und es besteht kein Zweifel: Die hühnerhautfarbenen Eindringliche sind Künstler!

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Und so begrüßen sich die Künstlerkollegen, die ungerufenen Zeugen des schwarzen Elends. Wie bunte Fraktalarme der Kunst verbreiten sich in Peckham ihre Spuren: großformatige fotokopierte Plakate mit Porträts von Nachbarn, Ausstellungsflyer, Graffiti, Spruchkunst …

Gläserne Ornamentik, opake Spiegelschritte einer Zenonschen Ornamentik des Herumtreibens.

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Und tatsächlich – in unmittelbarer Nähe der Rye Lane zählt man hinter den wenigen geputzten Fenstern von verlassenen Häusern drei Off-Galerien und etliche Ateliers. Auf dem Dach des Multi-Storey Car Parks, in der Frank`s Cafe & Campari Bar, die als »the coolest space in London« gepriesen wird, sammeln sich die Angehörigen der lokalen creative & business community. Unweit befindet sich auch das Bussey Building mit Ateliers und Werkstätten. Nach den Plänen der Peckham Vision soll um die Rye Lane ein Copeland Cultural Quarter entstehen, ein Business-, Kultur- und Shopping-Komplex. »Und vieles mehr«!

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Also:

Adieu, Straßen der schwarzen Plastik,

ade, negative Stadt

und tschüss, Voodoo-Tempel aus Fleischpyramiden;

Lebewohl, ihr Bildhauer der konkaven Formen!

Bis bald, ihr bunten Fraktalarme der Kunst!

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6

Kindersoldaten der Kunst

Sympathisch, beschäftigt und zugleich wunderbar musisch … Jugend! So spiellustig in ihrer Sorge um die Welt. … Auch der hiesige junge Künstler scheut den Glanz der Kunsttempel, in denen er zum Künstler erzogen wurde und in denen er, wenn er lange genug dabei bliebe, enden würde. Denn hier ist das Abenteuer, hier genießt auch das blasseste Talent das grelle Kontrastlicht der Flüchtlingskommune.

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Mao Cap, Che Guevara-Shirt, zusammengepresste Fäuste, Hammer und Sichel, Dreadlocks. Unter dem umgeworfenen Mantel des Engagements schlägt das angeschwollene Kinderherz des großstädtischen LifestyleKosmos; lustiger Protest gegen Elend und Ungerechtigkeit mit schimmernden Funken in den stolzen Augen. Und die trübe Fantasie von einer Welt, die aus einem mit der fossilen Energie toter Ideologien angeheizten »Ich« und einem durch eine angeborene Selbstverliebtheit zersetzten »Wir« entstehen soll.

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Der Kiezbewohner jedoch, porträtiert auf einem Plakat und videointerviewt in einem Videokunstwerk, bleibt ein Loser, selbst wenn die künstlerische Arbeit in der Zeitung gelobt wurde. Aber warum irritiert das, warum kann man die lustigen Kindersoldaten der Kunst nicht in Ruhe ihre Adoleszenz ausleben lassen? Weil ihre low-class-Altersgenossen aus der Nachbarschaft – ebenso ihre Adoleszenz auslebend – neulich die Häuser in Brand gesetzt haben …?

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Der Künstler, der immer nur ein lausiger Müßiggänger bleiben wird; der eingefleischte Doppelagent des politischen Engagements, der Spieler und Trickser des Heimischseins.

Der lustige Flüchtling mit dem dicken, identitätsabweisenden Brustpanzer um die Gussform der Sehnsucht.

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No3

18 Nov

Druckfrisch, der neue Mislissippi-Lesestoff:

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DER MARATHON ZUM NÄCHSTEN AUGENBLICK

Vierzehn Prosastücke aus der Chronik der Unhaltbarkeit

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Softcover, 96 S., 18 x 11 cm, ISBN 978-3-9816926-0-0

Heft No3.

Über das Buch

In »Der Marathonlauf zum nächsten Augenblick« bilden die Großstädte London, Berlin, Leipzig, Nürnberg und Stuttgart eine einzige, unüberschaubare Megacity; Architektur und Menschen verschmelzen in Božičevićs präzisen und stets überraschenden literarischen Beobachtungen zu einer faszinierenden Legierung fantastischer Großstadtliteratur: Hoffnung und Sinnlosigkeit, bittere Satire und liebevolle poetische Widmungen – das Leben im bunten Karnevalsgedränge der »Narren« und »Henker«; ein wundersames Defilée der »Global Player des Elends« und der »Kindersoldaten der Kunst«, der »gediegen sedierten Konsumbürger« und der »artistischen Meister der Vorläufigkeit«.
Božičevićs Prosa setzt sich aus künstlerisch brillant verwebten Textarabesken zusammen. Seine von Augenblicken einer parteiergreifenden Innigkeit mit der Welt geprägte Sprache dringt in den zartesten Flüstertönen des Alltags direkt in das Herz des Lesers ein.
Dieser Prosaband stellt vierzehn weitere Beiträge zur »Chronik der Unhaltbarkeit« des Autors vor, in der 2012 bereits die Sammlung „Die Funktion des Applauses in der artistischen Gesellschaft der Gegenwart“ erschienen war.

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Weitere Informationen unter: HTTP://EDITION.MISLISSIPPI.COM

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No1

26 Nov

Druckfrisch, der neue Mislissippi-Lesestoff:

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DIE FUNKTION DES APPLAUSES IN DER ARTISTISCHEN GESELLSCHAFT DER GEGENWART

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Softcover, 80 S., 18 x 11 cm, ISBN: 978-3-9813728-5-4, Preis: 10,00 €

  +3D-600.

Über das Buch

In zwölf Prosastücken berichtet der Autor in seiner »Chronik der Unhaltbarkeit« vom Leben in der »artistischen Gesellschaft der Gegenwart«. Er beobachtet unseren Alltag, aus dem wir eine »artistische Bühne« gemacht haben. Denn obwohl man uns betrügt, tanzen wir auf dem Seil, obwohl man uns ausplündert, machen wir Schraubensalti, obwohl man uns belügt, reiten wir auf dem Einrad über das Hochseil und tragen dabei noch zwanzig Teller auf dem Kopf. All das machen wir in Erwartung des Applauses für unser hochartistisches, lebensgefährliches Können, normal zu bleiben. Es sind unauffällige Straßenszenen und zufällige kleine Gegebenheiten, an denen der Autor dieses »Können« und diese »Normalität«, an der wir so verzweifelt festhalten, vorführt. In seiner Prosa erscheint Gesellschaftskritik als gelegentliche, scheinbar zufällige Konsequenz einer präzisen, »taschendiebischen« Beobachtung. Literarische Reflexionen und eine unbändige Lust am Spielen und Experimentieren mit der Sprache lassen wahre »Kunstübungen« entstehen; fragmentarische Miniaturen, in denen Erzählung, Essay, Reiseberichterstattung und burleske Satire ineinander übergehen.

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Weitere Informationen unter: HTTP://EDITION.MISLISSIPPI.COM .

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