Tag Archives: Großstadt

Klangangeln

9 Jun

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Akkordeon, Gitarre, Kontrabass; ein Männer-Trio aus Bulgarien. Die Gesichter versteinert, die Augenbrauen hochgezogen, Pokerfaces. Einige Köpfe nicken im Rhythmus der Polka, der eine oder andere Hals reckt sich. Schultern geraten in Schwingung – tscha-tscha-tscha! Doch die meisten sind froh, als sie endlich Kleingeld in den Hut werfen und sich wieder ihrer Zeitung widmen können. Auch der Sprachspieler blättert schon weiter in seinem Buch. Doch das Ohr zwingt seine Augen, zur Seite zu blicken. Das Verstummen der Instrumente lässt das Gerausche und Geklirre im Lokal wie einen von einem Luftzug aufgewirbelten akustischen Staub klingen, der jetzt langsam wieder zu Boden sinkt. Die gesteigerte Aufmerksamkeit angelt nach weiteren Klangquellen: Ein prall aufgepumpter Ball schlägt mit aller Kraft gegen einen Gitterzaun und übertönt für einen kurzen Moment die Fülle metallener Geräusche vom Spielfeld, von denen jedes noch lange nachhallt und Assoziationen an die gewollte Kakofonie eines avantgardistischen Konzerts weckt.

Der Sportkäfig ist nicht das einzige Gerät für das experimentelle Klangangeln. Vor Ort – am Marienplatz in Stuttgart – befindet sich noch eine weitere, zwar pompös aggressive, aber dennoch raffinierte Klanganlage – der Heslacher Tunnel. Dieser raumfressende dunkle Schlund beschallt uns nicht mit Tönen, sondern prägt diese förmlich unseren Körpern auf. Das auseinanderströmende und wieder zusammengepresste Dröhnen noch weit entfernter Autos aus den verzweigten Tunnelröhren sammelt sich am Fuß des Berges zu einem kräftigen Frontalsturm auf den Resonanzkörper unserer Brusthöhle. In der Umgebung des Tunnels jedoch bleibt dieses Geräusch unbemerkt. Es umgeht die Ohrmuschel gänzlich und fließt, getränkt von ätzender Smog-Säure, restlos durch die weit geöffneten Nasenlöcher in die Atemwege und durch die Nebenhöhlen, und reizt erst hier, von dieser Seite, abebbend, – als der gruselige Abklang des giftigen städtischen Alltags – eher peripher das Trommelfell. (Kann man sich einen interessanteren Modulator für klangkünstlerische Interpretationen von Musik wünschen?!) An die Stelle des Ohrs, dem Beuysschen »Wahrnehmungsorgan für Plastik«, drängt sich hier die Nase; denn an dieser Stelle hört man die Architektur nicht, bevor man nicht ihre akustische Plastik »gerochen« hat. Die Plastik zeigt sich uns, umhüllt vom »Geruch« des Klangs, als ein eigenartiger Sinnesreiz olfaktorischer Taubheit. Und wirklich – ist es nicht der »Geruch« einer mit Klang beatmeten Taubheit, der so entsteht? … Mehr noch – ist nicht gerade dieser Geruch der Taubheit ein eingefangener synästhetischer Antikörper, mit dessen Hilfe sich das sonst affirmative Publikum akustischer Kunst vor den täglichen Frontalangriffen des großstädtischen Alltags schützt? … Ich setze mich in ein Lokal, nur einen Steinwurf vom Tunnel entfernt, schließe die Augen, fülle die Lungen und kneife die Nase zu. … Mit verschlossener Nase empfangen die Hohlräume der Ohren zunächst den Druck der vollen Lungen, das Trommelfell ist für einen Moment reglos, und erst dann formt es die Plastik des Raums. … Experimentelle Musik eignet sich bekanntlich besser zum Philosophieren als zum Zuhören. Der Sprachspieler pustet den trügerischen Geruch der Töne weg und öffnet die Augen – und hat schon neue Bittsteller der Straße vor der Nase! Wie nur haben sie ihn erschnüffelt?! Können sie Gedanken lesen? Woher taucht diese stimmlose Fraktion der Straßenschnorrer gerade jetzt – so passend! – auf, eine Person, die tut, als wäre sie taub?

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Der Stecknadelkoloss

26 Apr

1

Frankfurter Allee

Der volumenschwangere Platzhalter für eine klaustrophobische Leere

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Berlin. Café Tasso als zentralperspektivische Warte auf der Frankfurter Allee. Die straffgezogenen Fluchtlinien sind kunstvolle architektonische Gefängnisgitter, die den Blick gekonnt zu einer sanften Unfreiheit verführen. In Wirklichkeit ist der Betrachter im Käfig einer größenwahnsinnigen Chimäre gefangen, die weder Straße noch Schlucht ist.

Die Luft ist mit weißem Staub gepudert, der mächtige, fachmännisch begradigte Windfluss scheint mit dem Licht zu spielen, indem er die Schatten von der Straße immer wieder fortbläst. Die Schattenseiten der Häuser dagegen sind auf der weiträumigen Allee die einzig verlässlichen Volumenträger. Wenn sie in der Sonne liegen, wirken die üppigen Kachelfassaden der sozialistischen Paläste mit ihrem schönen, melancholischen Glanz viel zu unwirklich, um als Tragfläche dienen zu können. Nichtsdestotrotz strebt alles dahin, sich plastisch zu verwirklichen. Platzergreifend türmt sich alles ins Unermessliche; die wahnwitzige Stadt scheint hier, um jeden Preis größer, ja zwanghaft mächtiger sein zu müssen. Diese Raumbesessenheit wird von Gärungen eines abgestorbenen Wahnsinns getrieben, der von hier aus Jahrzehnte lang in alle Welt ausstrahlte und jetzt dazu verurteilt ist, als morbide touristische Attraktion unserer konsumistischen Belanglosigkeit die Stirn zu bieten. Selbst die leeren Zwischenräume sind grotesk verkrustete Volumenahnungen, die wie schwere Platzhalter für eine wandlose Klaustrophobie auf einen labilen Beobachter lauern. … Melancholie und Paranoia als kindsköpfige Baumeister einer mörderischen Selbstvergessenheit. … Man staunt, solange das Lächerliche noch eine gewisse Komik zu bieten hat.

Und trotzdem …,

trotz alledem breitet sich im Herz des Künstlers ein namenloses Mitleid aus: Es ist eine verborgene, in blinder Wut eingemauerte, blind gewordene jungfräuliche Schönheit, die uns von den Turmspitzen des gekachelten Raumkäfigs aus ihre traurigen Abschiedsgrüße sendet.

Aber Vorsicht!

Wir, die im Käfig des Sozialismus aufgewachsen sind, müssen hier achtgeben und gut aufpassen, um die Erinnerung an die Hoffnung der Jugend nicht restlos mit der hoffnungslosen Schönheit dieser blankpolierten Ruinen zu verwechseln. Denn allein ihre bodenlose Vergeblichkeit verleiht dieser Architektur die Würde einer verstümmelten Schönheit! Sie ist lediglich dazu da, um sich immerwährend von uns zu verabschieden.

Der letzte Blick gilt den Bäumen, deren schimmernde Laubwerke einen lautlosen Sklaventanz im summenden, stark befahrenen Windkanal vorführen.

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Der Raum aus bizarren Volumenahnungen, die den Wahrnehmungsapparat eines labilen Beobachters mit einer paranoiden Melancholie und einer klaustrophobischen Leere zu überfluten drohen. Das Herz wird zum ungewollten Platzhalter für die verkrustete Geometrie eines fachmännisch begradigten Formflusses, der das Auge zum Mündungskanal einer beklemmenden Angstneurose macht.

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Dann ist es so weit – ohne Vorwarnung wird der Betrachter plötzlich aus dem architektonischen Käfig entlassen. Allmählich, mit dem bedrückenden Gefühl einer aufgedrängten Freiheit, verlässt er die einäugige Geometrie der Straße und fängt an, sich eine andere Beschäftigung zu suchen. Einem labilen Beobachter allerdings, der hier meistens in Gestalt eines touristischen Stadtbesuchers auftritt, kann dies zum Verhängnis werden. Er hat hier nicht nur nichts mehr zu tun, er wird von einem breit gähnenden Nichts, das sich in ihm auftut und das eine bezugslose Nervosität herbeiführt, heimgesucht! – die Faszination weicht nun endgültig dem Unbehagen und legt dabei die Wunde einer anonymen Unsicherheit frei. Nach einer Weile ist er gezwungen, sich in das pittoreske Gassenlabyrinth des Friedrichshains zu retten, wo reihenweise kleine, gemütliche Cafés und sonderbare Kneipen auf ihn warten.

Der Sprachspieler dagegen hat es leicht. Er hat eine solide zeichnerische Beobachtungstechnik und widmet sich einfach den Baumkronen und Passanten. Eine dringliche, fingerkitzelnde Lust lässt ihn Dutzende Einzelblätter mit Porträts füllen: Radfahrer und auf die U-Bahn eilende Fahrgäste, die, sooft sie den Fuß auf die Straße setzen, sie schnellstmöglich zu verlassen trachten (die Einheimischen wissen allzu gut, dass dieser Ort eine nicht bewohnbare, tote Stadtprothese ist). Die einzige Gelegenheit, diese Menschen zu porträtieren, bietet sich, wenn sie am Straßenrand auf das Grün der Ampel warten.

Aber die aufgedrängte Freiheit ist zu billig, man kann sie unmöglich ohne Widerstand annehmen – der stolze Künstler will sich selbst befreien! Die größenwahnsinnige Chimäre, die zu dieser Stunde im nachmittäglichen Sonnengold badet, bietet reichlich Gelegenheit dazu. Die drahtigen, kopflosen Hälse der Straße ziehen mit ihrer gewaltigen Strichgrafik den Blick erneut auf sich, sodass der kampflustige Zeichner weiter staunen und weiter das schon hundertmal Wahrgenommene protokollieren muss. Ein manischer Durst nach Beobachtung muss sich des entflogenen Käfigs noch einmal vergewissern; noch einmal muss erlebt werden, wie sich die monströsen Glieder der Stadt in westlicher Richtung in das burleske Beiwerk einer großstädtischen Raummegalomanie verdichten und den Gipfel ihrer Albernheit im Stecknadelkoloss des Fernsehturms erreichen. Noch einmal muss man Zeuge sein, wie sich in der um einhundertachtzig Grad gewendeten Perspektive das Netzwerk der sich versteifenden Raumsehnen in einem verwaschenen Fluchtpunkt irgendwo unter dem flachen Himmel der Vororte zuspitzt … und den Betrachter schließlich zum Gähnen einlädt. Und spätestens hier muss er auflachen:

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Die protzige Tyrannei der Großformen hat keinen Bestand, sie wird immer nur von kurzer Dauer bleiben – zu dümmlich sind ihre kindsköpfigen Machtansprüche, zu belanglos ihre morbiden Lebensversprechungen. Man staunt, solange das Lächerliche noch eine gewisse Komik aufrechterhalten kann.

Dann darf der Zeichner wieder Kunst machen. Er widmet sich den säulenartigen Wolkenformen, die sich, wie eine Komödiantentruppe weiß gepuderter Bleiriesen, über die glänzende Keramik der glühenden Legostein-Fassaden lustig machen.

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2

Beauty and the Beast

Plastikkörbe und Kartons, Berge und Stapel; papierene Architekturmegalomanie der großstädtischen Müßiggänger. Im Café Tasso, das gleichzeitig ein Antiquariat ist, wird vor allem mit Klassikern gehandelt; Romane, Erzählungen, Künstlermonografien, Bücher über Musik, Geschichte, Politik und Wissenschaft. Stückpreis 1 Euro. Im westlichen Flügel der Papierfestung, wo Bücher über Medizin, Sport, gesunde Ernährung und richtigen Lebenswandel stehen, ist es dagegen einsam. Denn in diesem Lokal werden hauptsächlich Zigaretten und Kaffee konsumiert. Die Gäste sind zwei langbärtige Studenten und eine Sammlung betagter, rotbackiger Müßiggänger. … Ruinöse Schädel, gelbe Augäpfel, schiefe Zähne, im Mundwinkel eine leonardihaft lächelnde Schattenwolke. Dann taucht ein Literatenpärchen auf. Die Frau ist jung, der Mann über sechzig. Die Hand der Frau wandert mit einem Bleistift über ein Manuskript und kritzelt nervös Grafiken auf die Textränder. Ein Theaterstück? Die Frau erzählt, der Mann raucht ein Zigarillo und nickt. Immer wieder blicken sich die Leute unwillkürlich um und suchen die Quelle des süßlichen Zigarillogeschmacks. Ihre Gedanken sind gut lesbar: the Beauty and the Beast.

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Ein taubenweiches Doppelkinn unter den scharlachroten Lippen, stark behaarte, mit Krampfadern übersäte Backen. Unter dem grauen Gestrüpp der Augenbrauen mit Falten umkränzte Müdigkeit und ein funkelnder Porzellanglanz aus einer türkisgepuderten Hauttasche im Schatten des zarten Tränenbeins.

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Am Brunnen beschnüffeln sich Hunde, während die Hundebesitzer stumm danebenstehen und rauchen. Auf der Wiese vor dem Lokal trägt ein hochgewachsener, magerer Mann sein Kind im Babytuch, in der Hand eine zerlesene Zeitung. Ein hölzernes Spielzeug baumelt an der Schnur. … Drei Schritte weiter, in der prallen Sonne, schnarcht auf der Sitzbank ein Junge, den man nach einem nächtlichen Saufgelage hier zum Ausnüchtern abgelegt hat. In Reichweite stehen leere Bierflaschen, die das gefärbte Sonnenlicht mit stechender Brechkraft über das graue Pflaster gießen. Ein Wunder, dass sie noch nicht von den flaschensammelnden Rentnern entdeckt worden sind.

Wie verabredet verabschieden sich die Hundebesitzer und ziehen mit ihren hüpfenden, für die lustige Linienakrobatik wie geschaffenen Hunden los. Der zeichnerische Höhepunkt sollte aber erst noch kommen: Auch das Literatenpärchen steht auf und verkleinert sich langsam, zusammen mit Häusern, Bäumen und Straßenlampen entlang der strengen, zentralperspektivischen Fluchtlinie des raumschluckenden Straßenkolosses – bis dem Zeichner nichts anderes übrig bleibt, als anstelle ihrer Körper zwei Punkte zu setzen:

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Plastikkörbe, Kartons, Berge und Stapel. Eine Literaturbrüstung und die nervösen Luftgrafiken des Zigarillorauchs. Babys und Hunde; literarische Monster und theatralische Schönheiten; die musischen Chimären der papierenen Architektur. Die Stadt als komödiantisches Beiwerk einer bleiernen Raummegalomanie. Und als Belustigung für die breit gähnenden Puderriesen um den glänzenden Stecknadelkoloss der architektonischen Albernheit.

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Eisenbahnstraße

4 Apr

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Eisenbahnstraße. Die bleierne Laune lässt den Blick immer wieder zu Boden sinken. Und erst dort, auf dem schwarz glänzenden Asphalt, entdeckt man die ersten Lebewesen – auf dem Bürgersteig, in der breiigen Traurigkeit des einbetonierten Humus’ wälzen sich die lachsfarbenen Körper von Regenwürmern. Allmählich wird es Morgen.

Alles scheint der bisonhaften Tobsucht der Erde zum Opfer gefallen zu sein.

Im Marschboden der Schienenfelder müssen ganze Rinderherden lebendig begraben sein. Gähnende Lücken, Häuserfriedhöfe, Nebel, Müll und mit allen Wassern gewaschene, siegesgewisse Global Player des Elends.

Man könnte Schüler hierher führen, um ihnen die Geschichte, die Wirtschaftslehre, die Biologie und die Chemie der Auflösung, der Fäulnis und der Agonie zu lehren.

 

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Der Stecknadelkoloss

30 Mrz

1

Frankfurter Allee

Der volumenschwangere Platzhalter für eine klaustrophobische Leere

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Berlin. Café Tasso als zentralperspektivische Warte auf der Frankfurter Allee. Die straffgezogenen Fluchtlinien sind kunstvolle architektonische Gefängnisgitter, die den Blick gekonnt zu einer sanften Unfreiheit verführen. In Wirklichkeit ist der Betrachter im Käfig einer größenwahnsinnigen Chimäre gefangen, die weder Straße noch Schlucht ist.

Die Luft ist mit weißem Staub gepudert, der mächtige, fachmännisch begradigte Windfluss scheint mit dem Licht zu spielen, indem er die Schatten von der Straße immer wieder fortbläst. Die Schattenseiten der Häuser dagegen sind auf der weiträumigen Allee die einzig verlässlichen Volumenträger. Wenn sie in der Sonne liegen, wirken die üppigen Kachelfassaden der sozialistischen Paläste mit ihrem schönen, melancholischen Glanz viel zu unwirklich, um als Tragfläche dienen zu können. Nichtsdestotrotz strebt alles dahin, sich plastisch zu verwirklichen. Platzergreifend türmt sich alles ins Unermessliche; die wahnwitzige Stadt scheint hier, um jeden Preis größer, ja zwanghaft mächtiger sein zu müssen. Diese Raumbesessenheit wird von Gärungen eines abgestorbenen Wahnsinns getrieben, der von hier aus Jahrzehnte lang in alle Welt ausstrahlte und jetzt dazu verurteilt ist, als morbide touristische Attraktion unserer konsumistischen Belanglosigkeit die Stirn zu bieten. Selbst die leeren Zwischenräume sind grotesk verkrustete Volumenahnungen, die wie schwere Platzhalter für eine wandlose Klaustrophobie auf einen labilen Beobachter lauern. … Melancholie und Paranoia als kindsköpfige Baumeister einer mörderischen Selbstvergessenheit. … Man staunt, solange das Lächerliche noch eine gewisse Komik zu bieten hat.

Und trotzdem …,

trotz alledem breitet sich im Herz des Künstlers ein namenloses Mitleid aus: Es ist eine verborgene, in blinder Wut eingemauerte, blind gewordene jungfräuliche Schönheit, die uns von den Turmspitzen des gekachelten Raumkäfigs aus ihre traurigen Abschiedsgrüße sendet.

Aber Vorsicht!

Wir, die im Käfig des Sozialismus aufgewachsen sind, müssen hier achtgeben und gut aufpassen, um die Erinnerung an die Hoffnung der Jugend nicht restlos mit der hoffnungslosen Schönheit dieser blankpolierten Ruinen zu verwechseln. Denn allein ihre bodenlose Vergeblichkeit verleiht dieser Architektur die Würde einer verstümmelten Schönheit! Sie ist lediglich dazu da, um sich immerwährend von uns zu verabschieden.

Der letzte Blick gilt den Bäumen, deren schimmernde Laubwerke einen lautlosen Sklaventanz im summenden, stark befahrenen Windkanal vorführen.

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Der Raum aus bizarren Volumenahnungen, die den Wahrnehmungsapparat eines labilen Beobachters mit einer paranoiden Melancholie und einer klaustrophobischen Leere zu überfluten drohen. Das Herz wird zum ungewollten Platzhalter für die verkrustete Geometrie eines fachmännisch begradigten Formflusses, der das Auge zum Mündungskanal einer beklemmenden Angstneurose macht.

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Dann ist es so weit – ohne Vorwarnung wird der Betrachter plötzlich aus dem architektonischen Käfig entlassen. Allmählich, mit dem bedrückenden Gefühl einer aufgedrängten Freiheit, verlässt er die einäugige Geometrie der Straße und fängt an, sich eine andere Beschäftigung zu suchen. Einem labilen Beobachter allerdings, der hier meistens in Gestalt eines touristischen Stadtbesuchers auftritt, kann dies zum Verhängnis werden. Er hat hier nicht nur nichts mehr zu tun, er wird von einem breit gähnenden Nichts, das sich in ihm auftut und das eine bezugslose Nervosität herbeiführt, heimgesucht! – die Faszination weicht nun endgültig dem Unbehagen und legt dabei die Wunde einer anonymen Unsicherheit frei. Nach einer Weile ist der labile Beobachter gezwungen, sich in das pittoreske Gassenlabyrinth des Friedrichshains zu retten, wo reihenweise kleine, gemütliche Cafés und sonderbare Kneipen auf ihn warten.

Der Sprachspieler dagegen hat es leicht. Er hat eine solide zeichnerische Beobachtungstechnik und widmet sich einfach den Baumkronen und Passanten. Eine dringliche, fingerkitzelnde Lust lässt ihn Dutzende Einzelblätter mit Porträts füllen: Radfahrer und auf die U-Bahn eilende Fahrgäste, die, sooft sie den Fuß auf die Straße setzen, sie schnellstmöglich zu verlassen trachten. Die einzige Gelegenheit, diese Menschen zu porträtieren, bietet sich, wenn sie am Straßenrand auf das Grün der Ampel warten.

Aber die aufgedrängte Freiheit ist zu billig, man kann sie unmöglich ohne Widerstand annehmen – der stolze Künstler will sich selbst befreien! Die größenwahnsinnige Chimäre, die zu dieser Stunde im nachmittäglichen Sonnengold badet, bietet reichlich Gelegenheit dazu. Die drahtigen, kopflosen Hälse der Straße ziehen mit ihrer gewaltigen Strichgrafik den Blick erneut auf sich, sodass der kampflustige Zeichner weiter staunen und weiter das schon hundertmal Wahrgenommene protokollieren muss. Ein manischer Durst nach Beobachtung muss sich des entflogenen Käfigs noch einmal vergewissern; noch einmal muss erlebt werden, wie sich die monströsen Glieder der Stadt in westlicher Richtung in das burleske Beiwerk einer großstädtischen Raummegalomanie verdichten und den Gipfel ihrer Albernheit im Stecknadelkoloss des Fernsehturms erreichen. Noch einmal muss man Zeuge sein, wie sich in der um einhundertachtzig Grad gewendeten Perspektive das Netzwerk der versteiften Raumsehnen in einem verwaschenen Fluchtpunkt irgendwo unter dem flachen Himmel der Vororte zuspitzt … und den Betrachter schließlich zum Gähnen einlädt. Und spätestens hier muss er auflachen:

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Die protzige Tyrannei der Großformen hat keinen Bestand, sie wird immer nur von kurzer Dauer bleiben – zu dümmlich sind ihre kindsköpfigen Machtansprüche, zu belanglos ihre morbiden Lebensversprechungen. Man staunt, solange das Lächerliche noch eine gewisse Komik aufrechterhalten kann.

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Dann darf der Zeichner wieder Kunst machen. Er widmet sich den säulenartigen Wolkenformen, die sich, wie eine Komödiantentruppe weiß gepuderter Bleiriesen, über die glänzende Keramik der glühenden Legostein-Fassaden lustig machen.

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Beauty and the Beast

Plastikkörbe und Kartons, Berge und Stapel; papierene Architekturmegalomanie der großstädtischen Müßiggänger. Im Café Tasso, das gleichzeitig ein Antiquariat ist, wird vor allem mit Klassikern gehandelt; Romane, Erzählungen, Künstlermonografien, Bücher über Musik, Geschichte, Politik und Wissenschaft. Stückpreis 1 Euro. Im westlichen Flügel der Papierfestung, wo Bücher über Medizin, Sport, gesunde Ernährung und richtigen Lebenswandel stehen, ist es einsam. Denn in diesem Lokal werden hauptsächlich Zigaretten und Kaffee konsumiert. Die Gäste sind zwei langbärtige Studenten und eine Sammlung betagter, rotbackiger Tagediebe. … Ruinöse Schädel, gelbe Augäpfel, schiefe Zähne, im Mundwinkel eine leonardihaft lächelnde Schattenwolke. Dann taucht ein Literatenpärchen auf. Die Frau ist jung, der Mann über sechzig. Die Hand der Frau wandert mit einem Bleistift über ein Manuskript und kritzelt nervös Grafiken auf die Textränder. Ein Theaterstück? Die Frau erzählt, der Mann raucht ein Zigarillo und nickt. Immer wieder blicken sich die Leute unwillkürlich um und suchen die Quelle des süßlichen Zigarillogeschmacks. Ihre Gedanken sind gut lesbar: the Beauty and the Beast.

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Ein taubenweiches Doppelkinn unter den scharlachroten Lippen, stark behaarte, mit Krampfadern übersäte Backen. Unter dem grauen Gestrüpp der Augenbrauen mit Falten umkränzte Müdigkeit. Und ein funkelnder Porzellanglanz aus einer türkisgepuderten Hauttasche im Schatten des zarten Tränenbeins.

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Am Brunnen beschnüffeln sich Hunde, während die Hundebesitzer stumm danebenstehen und rauchen. Auf der Wiese vor dem Lokal trägt ein hochgewachsener, magerer Mann sein Kind im Babytuch, in der Hand eine zerlesene Zeitung. Ein hölzernes Spielzeug baumelt an der Schnur. … Drei Schritte weiter, in der prallen Sonne, schnarcht auf der Sitzbank ein Junge, den man nach einem nächtlichen Saufgelage hier zum Ausnüchtern abgelegt hat. In Reichweite stehen leere Bierflaschen, die das gefärbte Sonnenlicht mit stechender Brechkraft über das graue Pflaster gießen. Ein Wunder, dass sie noch nicht von den flaschensammelnden Rentnern entdeckt worden sind.

Wie verabredet verabschieden sich die Hundebesitzer und ziehen mit ihren hüpfenden, für die lustige Linienakrobatik wie geschaffenen Hunden los. Der zeichnerische Höhepunkt sollte aber erst noch kommen: Auch das Literatenpärchen steht auf und verkleinert sich langsam, zusammen mit Häusern, Bäumen und Straßenlampen entlang der strengen, zentralperspektivischen Fluchtlinie des raumschluckenden Straßenkolosses – bis dem Zeichner nichts anderes übrig bleibt, als anstelle ihrer Körper zwei Punkte zu setzen:

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Plastikkörbe, Kartons, Berge und Stapel. Eine Literaturbrüstung und die nervösen Luftgrafiken des Zigarillorauchs. Babys und Hunde; literarische Monster und theatralische Schönheiten; die musischen Chimären der papierenen Architektur. Die Stadt als komödiantisches Beiwerk einer bleiernen Raummegalomanie. Und als Belustigung für die breit gähnenden Puderriesen um den glänzenden Stecknadelkoloss der architektonischen Albernheit.

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Die Kindersoldaten der Kunst

9 Mrz

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Das Volumen des Wartens


»Was sie wirklich brauchen, was sie nicht mehr entbehren können, ist die wieder und wieder erneuerte Lust am Überleben.«

Elias Canetti

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1

Wie eine schwarze Lokomotive, mit der dunklen Kraft afrikanischer Steinkohle angetrieben, schlägt sich eine Frau durch die Menge. Eigentlich noch ein Kind, großgewachsen, stark übergewichtig. Unter schweren Augenbrauen der strenge Blick der Pubertätskriegerin. Tiefe Stirnfalten und eine drahtig buschige Mähne. Die Hände: mächtige Zylinder; die Schultern: tragende Plattformen. Aber die Fingernägel sind silbern, rot und golden lackiert und glänzen in der tiefstehenden Sonne wie Edelsteine. Dann ein kurzer Seitenblick – und weg ist sie! Auf der Rye Lane ist alles unvorhersehbar, richtungslos und unschlüssig – in das Unabsehbare hineingezerrte Vorläufigkeit des städtischen Nomadenlebens.

Rye Lane ist die Oxford Street Peckhams. Über ihre ganze Länge hinweg reihen sich kleine Geschäfte: afro-karibische Läden, Gemüsestände, Kioske, Discounter, Metzgereien, Obstbuden, Textilgeschäfte, Callshops, Waschsalons, Alles-für-1-Pfund-Läden, Bäckereien, Friseurläden, Kosmetiksalons … Die Letzteren sind klar in der Überzahl, es gibt sie dutzendweise, Beauty Stores und Beauty-, Nail-, Hairdressing- und Modern Hairstyle Salons. In diesen Schönheitsspelunken treffen sich die Nachbarn, Schwestern, Freundinnen, Töchter und Enkeltöchter, um unter dem Vorwand der Körperpflege die Zeit des eingefleischten Wartens totzuschlagen. Denn auf der Rye Lane ist das Warten die beherrschende Technik des Lebens. Gewartet wird überall: im Gehen, auf der Sitzbank, im Bus, vor dem Laden, im Laden, im Auto, auf dem Fahrrad, am Fenster, vor dem Haus, mit Handy am Ohr, kauend, rauchend, spuckend, mit dem Kind auf dem Arm, im Kinderwagen, auf dem Schoß, an der Hand.

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Das Warten ist die praktische Alltagskunst der heimisch gewordenen Nomaden; eine bewährte Lebenstechnik und der eingefleischte Soft Skill eines trotzigen Aufgebens. Die Zeit auf der Rye Lane ist ein mürbes Volumen des Wartens. In der tiefstehenden Sonne leuchten die Schaufenster der Kosmetiksalons wie verlorene Edelsteine.

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2

Und was soll man hier anderes tun als mit dem durstigen Blick in den schläfrigen Fluss der Straße einzutauchen, in das verträumte Volumen der müde schlummernden Zeit? Dabei drängt sich wie von selbst die handfeste bildhauerische Beobachtungstechnik auf. Jede Fläche, jede Linie, jedes Relief und jede »Plastik« aktiviert die Haptik der Hand und treibt die elektrische Energie in die Fingerspitzen. Das Auge wird zum Werkzeug der Hand, die – handlungsdurstig – mal das Kinn kratzt, mal mit dem Kleingeld in der Hosentasche spielt.

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Die malzige Plastik des Passantenstroms. Die Gesichter sind Reliefe des Wartens; die Körper Plastiken des Hinauszögerns. Der Bildhauer kreist mit seinem haptischen Blick um die schwarze Knetmasse des Wartens: um den glatten Backenknochen, über die vollen Wangen und über die glänzende Stirn. Seine Fingeraugen schneiden in die dunklen Plastilinberge breit aufgequollene Lippen ein, bohren mächtige Nasenlöcher und spielen im Grübchen der Nasenwurzel.

Dürfte er nur seine Hände an diese Backen legen, den Scheitel berühren, den Hinterkopf unter dem schwarzen Draht fassen!

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3

Der Doppelagent der Herkunft

Es hat sich also nichts verändert; wochen- und monatelang glüht in London immer wieder die gleiche, tief im Innern des Sprachspielers schwelende Leidenschaft auf. Von der schwarzen Fremdheit kann er nie genug haben! Wie die Türken, Afghanen und Araber in Berlin starrt er auch diese Menschen mit heimlicher Hungrigkeit stundenlang an, läuft schamlos durch ihre Straßen, bespitzelt sie, zeichnet und »modelliert« mit Bildhaueraugen ihre Köpfe nach. … Weil sie die echten, unverfälschten Fremden sind? Und nicht wie er, der er immer nur ein lausiger Müßiggänger des Fremdseins geblieben ist; ein eingefleischter Spieler und Trickser des Heimischseins, ein Doppelagent der Herkunft im dicken, identitätsabweisenden Brustpanzer.

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Türken, Inder, Afghanen, Araber, Jamaikaner, Afrikaner … Darunter: der lausige Doppelagent der Herkunft … Eine leere Sitzbank, die Bildhaueraugen und die unschlüssige Hand des Zeichners unter dem lähmenden Eindruck einer abgrundtiefen Vorläufigkeit.

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4

Die Negativformen des Lebens

Den Eindruck einer allgemeinen Vorläufigkeit verstärkt die staubige Unverbindlichkeit der verbrauchten Architektur. Worauf warten all diese lächerlichen Miniaturen aus niedlichem Ziegelstein? Dass man sie renoviert, hier in Peckham? Von wegen, könnte man meinen. Aber nur 300 Meter entfernt stehen schon die ersten Porsche vor frisch verputzten Häusern. Auf der Rye Lane dagegen sind die Ziegelsteinbehausungen – diese vergessenen Legosteine, dieser viktorianische Witz – nach wie vor schmuddelige Schlupflöcher. Man bewohnt sie, wie Landstreicher bei Unwetter verlassene Hütten bewohnen: ohne Bezug, ohne Neugierde, gleichgültig gegenüber allem, was nicht zum unmittelbaren Zufluchtszweck dient … Im flüchtig besetzten Raum des Wartens zählt nur das Praktische.

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Peckham Rye ist ein Sammelbecken für die artistischen Meister der Vorläufigkeit, die, gestrandet auf dem Trockenboden europäischer Ruinen, eine anständige Wohnung mit der voluminösen Plastik des Wartens kompensieren.

Die schwarzen Körpermassive verdrängen den Raum um sich herum in die engen, zerbrechlichen Luftspalten und bilden auf dem Bürgersteig konkave Klüfte aus dichtem Lichtharz. Auf diese Weise entsteht das poröse Plastilin des Wartens. Die Bildhauer könnten sie nachbilden und eine Stadt aus den Negativformen des Lebens bauen.

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5

Die mürben Zwischenräume des Wartens

Fast alle Stockwerke über den Läden sind leer. Zerbrochene Fenster, staubige Gardinenreste, mürbes Holz. Häuser in der schönen Selbstständigkeit eines stillen Zerfalls. In der Nähe der Bahnstation wehen Geruchsfahnen von rohem Fleisch, Hunderte Hähnchenschenkel bilden meterhohe Fleischpyramiden. Als Schmuck hängen federlose Hühnerleiber mit rotbekrönten Köpfen um die Theke. Die roten Hahnenkämme sehen auf den ersten Blick aus wie Rosenblätter und verleihen der Metzgerei das Aussehen eines Voodoo-Tempels. Und hier sieht man auch, womöglich erst wegen der Hühnerhaut gleichenden Hautfarbe herbeibemerkt, die ersten Weißen. Nein, es stimmt nicht, nicht die Hautfarbe ist entscheidend, es ist etwas anderes, was sie verrät: Ihre Körperformen – allesamt junge Menschen, beinahe Kinder! – passen nicht in die konkaven Plastilinspalten, nicht in die weiten mürben Zwischenräume des Wartens! Die Fremdlinge verraten sich durch die tollpatschigen Bewegungen ahnungsloser Eindringlinge und – der Bildhauer muss sich hier an den Kopf fassen – lassen die durch die harzigen Luftkrusten des Wartens soeben eingepressten Formen der negativen Stadt durchbrochen hinter sich: Ihre Schritte mischen sich in die möbiusschleifene Choreografie des Herumtreibens, in die gläserne Ornamentik einer opaken Spiegelvariante des Zenonschen Wettlaufs mit der Zeit, und verursachen unwissentlich peinliche Kratzwunden im gläsernen Volumen des Wartens. Und es besteht kein Zweifel: Die hühnerhautfarbenen Eindringliche sind Künstler!

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Und so begrüßen sich die Künstlerkollegen, die ungerufenen Zeugen des schwarzen Elends. Wie bunte Fraktalarme der Kunst verbreiten sich in Peckham ihre Spuren: großformatige fotokopierte Plakate mit Porträts von Nachbarn, Ausstellungsflyer, Graffiti, Spruchkunst …

Gläserne Ornamentik, opake Spiegelschritte einer Zenonschen Ornamentik des Herumtreibens.

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Und tatsächlich – in unmittelbarer Nähe der Rye Lane zählt man hinter den wenigen geputzten Fenstern von verlassenen Häusern drei Off-Galerien und etliche Ateliers. Auf dem Dach des Multi-Storey Car Parks, in der Frank`s Cafe & Campari Bar, die als »the coolest space in London« gepriesen wird, sammeln sich die Angehörigen der lokalen creative & business community. Unweit befindet sich auch das Bussey Building mit Ateliers und Werkstätten. Nach den Plänen der Peckham Vision soll um die Rye Lane ein Copeland Cultural Quarter entstehen, ein Business-, Kultur- und Shopping-Komplex. »Und vieles mehr«!

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Also:

Adieu, Straßen der schwarzen Plastik,

ade, negative Stadt

und tschüss, Voodoo-Tempel aus Fleischpyramiden;

Lebewohl, ihr Bildhauer der konkaven Formen!

Bis bald, ihr bunten Fraktalarme der Kunst!

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6

Kindersoldaten der Kunst

Sympathisch, beschäftigt und zugleich wunderbar musisch … Jugend! So spiellustig in ihrer Sorge um die Welt. … Auch der hiesige junge Künstler scheut den Glanz der Kunsttempel, in denen er zum Künstler erzogen wurde und in denen er, wenn er lange genug dabei bliebe, enden würde. Denn hier ist das Abenteuer, hier genießt auch das blasseste Talent das grelle Kontrastlicht der Flüchtlingskommune.

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Mao Cap, Che Guevara-Shirt, zusammengepresste Fäuste, Hammer und Sichel, Dreadlocks. Unter dem umgeworfenen Mantel des Engagements schlägt das angeschwollene Kinderherz des großstädtischen LifestyleKosmos; lustiger Protest gegen Elend und Ungerechtigkeit mit schimmernden Funken in den stolzen Augen. Und die trübe Fantasie von einer Welt, die aus einem mit der fossilen Energie toter Ideologien angeheizten »Ich« und einem durch eine angeborene Selbstverliebtheit zersetzten »Wir« entstehen soll.

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Der Kiezbewohner jedoch, porträtiert auf einem Plakat und videointerviewt in einem Videokunstwerk, bleibt ein Loser, selbst wenn die künstlerische Arbeit in der Zeitung gelobt wurde. Aber warum irritiert das, warum kann man die lustigen Kindersoldaten der Kunst nicht in Ruhe ihre Adoleszenz ausleben lassen? Weil ihre low-class-Altersgenossen aus der Nachbarschaft – ebenso ihre Adoleszenz auslebend – neulich die Häuser in Brand gesetzt haben …?

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Der Künstler, der immer nur ein lausiger Müßiggänger bleiben wird; der eingefleischte Doppelagent des politischen Engagements, der Spieler und Trickser des Heimischseins.

Der lustige Flüchtling mit dem dicken, identitätsabweisenden Brustpanzer um die Gussform der Sehnsucht.

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Mislissippi Lexikon 05

11 Feb

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Stuttgart-300nativ

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No3

18 Nov

Druckfrisch, der neue Mislissippi-Lesestoff:

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DER MARATHON ZUM NÄCHSTEN AUGENBLICK

Vierzehn Prosastücke aus der Chronik der Unhaltbarkeit

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Softcover, 96 S., 18 x 11 cm, ISBN 978-3-9816926-0-0

Heft No3.

Über das Buch

In »Der Marathonlauf zum nächsten Augenblick« bilden die Großstädte London, Berlin, Leipzig, Nürnberg und Stuttgart eine einzige, unüberschaubare Megacity; Architektur und Menschen verschmelzen in Božičevićs präzisen und stets überraschenden literarischen Beobachtungen zu einer faszinierenden Legierung fantastischer Großstadtliteratur: Hoffnung und Sinnlosigkeit, bittere Satire und liebevolle poetische Widmungen – das Leben im bunten Karnevalsgedränge der »Narren« und »Henker«; ein wundersames Defilée der »Global Player des Elends« und der »Kindersoldaten der Kunst«, der »gediegen sedierten Konsumbürger« und der »artistischen Meister der Vorläufigkeit«.
Božičevićs Prosa setzt sich aus künstlerisch brillant verwebten Textarabesken zusammen. Seine von Augenblicken einer parteiergreifenden Innigkeit mit der Welt geprägte Sprache dringt in den zartesten Flüstertönen des Alltags direkt in das Herz des Lesers ein.
Dieser Prosaband stellt vierzehn weitere Beiträge zur »Chronik der Unhaltbarkeit« des Autors vor, in der 2012 bereits die Sammlung „Die Funktion des Applauses in der artistischen Gesellschaft der Gegenwart“ erschienen war.

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Weitere Informationen unter: HTTP://EDITION.MISLISSIPPI.COM

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