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Die Grammatik der Zerbröselung

16 Apr

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Ein Exkurs über  das Phänomen der paradoxen Unverwundbarkeit der Schönheit  im Werk des kroatischen Kunsthistorikers und Schriftstellers Matko Peić *

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»[…] dass die Schönheit in Wirklichkeit der Zerfall ist.«

M. Peić

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In der Gartenbibliothek des avantgardistischen Naturforschers gibt es nur ein Werk, dafür aber ein Standardwerk über unser Thema: das Buch »Skitnje« von Matko Peić, der wohl zu den besten Kennern der Geheimnisse von der unverwundbaren Schönheit zählen dürfte. Es liegt allerdings auf der Hand, dass dieses Werk wahrscheinlich für alle Zeiten unübersetzt bleiben wird … und soll. Denn jede Landschaft und jeder von Menschen bewohnte Landstreifen der Erde kann nur einen eigenen »Kenner« und einen eigenen Aporetiker der unverwundbaren Schönheit haben. Sämtliche Möglichkeiten einer Sprache, ihre ganze Mitteilungs- und Deutungsvitalität samt aller ihrer fossilen Ablagerungen, die bekanntlich alle unverkennbaren Prägungen der Landschaft sind, sind dafür notwendig.

Peićs künstlerische Beobachtungstechnik ist von einem unverfälschten, ungezügelten ja, geradezu beispielhaften Vitalismus geprägt. Sie ist nach der künstlerischen Strategie einer raffiniert unsichtbaren Freiheit konzipiert, die dem Künstler ungestraft alles erlaubt: Peić beobachtet das Land und die Menschen, vorzugweise den östlichen Teil Kroatiens, »unser Slawonien«, mit beinahe fatalistischer, weil wahrhaft aporistischer Unerschrockenheit: Er schreibt aus einem scheinbar astronomischen, in Wirklichkeit aber nur artistischen, das heißt illusionistischen Abstand – den der verblüffte Leser gar nicht bemerkt! – nur, um bei den unerbittlichen Aufzählungen des Lebens keine Hierarchien aufstellen, keiner Wertvorstellung folgen zu müssen, und daher gänzlich moralfrei bleiben zu können. Der Leser denkt nicht daran, die Frage zu stellen, womit er diese Freiheit legitimieren möchte!

Die Schönheit ist unverwundbar, mehr noch: Bei Peić ist sie mit einer unerbittlichen, von einem kunstvollen Narbennetz verzierten Lebensdringlichkeit gepanzert! Er muss ihre Unverwundbarkeit nicht einmal zum Thema machen. Denn tatsächlich – ist sie nicht offensichtlich, hier auf der Anlaufpiste des Balkans, das heißt auf dem Gebiet, in dem die Identitäten unwiderruflich zum Schmelzen ansetzen, und wo man sie schon tausend mal »gefoltert« hat und sie immer noch täglich brutalst misshandelt? … Das endlose Aufzählen ihrer Verstümmelungen, Peićs »Kunst einer gemütsruhigen Wiederholung«; der breite, für-alles-Zeit-habende pannonische Erzählfluss, in dem bei Bedarf jedes Tröpfchen und jedes Körnchen einzeln betrachtet werden könnte: Abermillionen von Geburten von Tier und Mensch, von Wald, Fluss und Stein, ihr Tod und das Leben, das, davon unberührt, immerfort weitere Spuren hinterlässt. Nichts davon ist ein Anlass zum Klagen, es gibt keinen einzigen Weltschmerz auch nur andeutenden Satz, geschweige denn eine Spur des ansonsten so unwiderstehlichen, soghaften Kulturpessimismus. Dafür ist die Schönheit der Welt einfach zu robust – ihr Komplement finden wir in seiner urigen literarischen Artistik: Sie ist großepisch durch miniaturistische Häufung – Peić notiert alles unmittelbar »im Gehen« – und bodenlos alles aufwertend, weil in das Starke verliebt. Sein Meisterwerk, »Skitnje« (Herumstrolchen, Wanderungen), erschienen im Jahr 1967, verzichtet auf jeglichen Kommentar, um restlos alles frei für ein unerbittliches Darstellen zu machen … und um das Beobachtete nicht durch »Meinungen« kleingeistig zu kontaminieren. …

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Und nun, wozu diese für den deutschsprachigen Leser unüberprüfbaren Anmerkungen? Einfach so, als kleine Notiz. Als Würdigung? Ja. … Und als Selbstermahnung für den Künstler, immer daran zu denken, dass die Hauptaufgabe der Kunst darin liegt, die Welt aus dem Bewusstsein einer prachtvollen Einfachheit her zu beobachten, die jedem Augenblick innewohnt und aus jedem Moment einen zuverlässigen, mehr noch: den einzig wirklich sinnvollen Ausgangspunkt jeder künstlerischen Tätigkeit macht. … Aber wir sind noch nicht fertig, fahren wir fort:

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Die Kleinigkeiten

Man kann bei Peić tatsächlich, wie der Sprachspieler in einem früheren Notizbuch vermerkte, von der nackten Intime einer namenlosen Zugehörigkeit sprechen: Die für fest angesehenen Identitäten zerfließen im weichen Flüsterton eines alles versprechenden Erzählflusses, der Leser fühlt eine umarmende Gerborgenheit in einem ihm gänzlich neuen, wundersamen Raum zwischen dem Spiel und der Notwendigkeit. Und – man liest Peićs Bücher jenseits aller auswendig gelernten Leser-Rollen. Denn solche Kunst behandelt keine gesellschaftlichen oder sonstigen »Kontroversen«, das hat sie nicht nötig. Sie ist selbst kontrovers, weil sie nicht einmal vorhat, die »Schuld« der Sprache zu begleichen – dazu hat sie das Kleingeld nicht dabei. Ihre trügerische Zeichenwelt und die Türme ihrer manischen Welterklärungen werden mit der Leichtigkeit einer hochartistischen Akrobatik einfach überflogen! Die Erzählgrammatik dieser Kunst ist paradox – unmerklich häutet sie die Namen von den Dingen ab, indem sie ihre Bedeutungen in unzähligen Beobachtungsminiaturen kunstvoll über die Landschaft verstreut und dahinschweben lässt, sie durch groteske Wendungen »neutralisiert«, durch waghalsige Verheißungen der ausschweifenden Wortkonglomerate »transparent« und konturenlos macht. An einer Stelle im Buch »Skitnje« schreibt der Künstler: »Einen Reisebericht schreiben […] heißt, das breite Leben schreiben: mit der Kleinigkeit«. In »Ljubav na putu« (Liebe auf dem Weg) steht: »… ich fange an zu fühlen, zu erkennen, dass man in dieser Landschaft nicht anders schreiben könnte, als in der Art der kleinen Diebstähle, des fröhlichen Abzupfens der Graswipfel und Beeren – dieser süßen Kleinigkeiten«. Es ist eine künstlerische, mit einer unverfälschten Liebe protokollierte Behauptung der Landschaft mittels Sprache. Das Ergebnis ist eine robuste, artistische Grammatik der Zerbröselung, die imstande ist, die beobachtete Welt und ihre mit tausendjährigem Wissenspuder bestaubte, anonyme Schönheit aus erzählerischen »Kleinigkeiten« erahnen zu lassen!

Wenn ein solches Kunstwerk gelingt, dann platzt eine auswendig gelernte, dick gepuderte, schlau getarnte, triebhafte Selbstvergessenheit in unseren Artistenköpfen unwiderruflich und klangvoll auseinander. …

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Die prachtvolle Einfachheit des Augenblicks ist der treueste Bürge der Kunst.

Eine aporistische Unerschrockenheit, die Optik des illusionistischen Abstands und die Astronomie einer raffinierten Freiheit, die ganz ohne Kommentar auskommt. Es ist eine unübersetzbare Beobachtung, in der die Identität und Integrität dicht nebeneinander beheimatet – beinahe als Synonyme – ihre festliche Vergänglichkeit feiern. Die »Heimat« dieser Kunst ist der stille Raum zwischen dem Spiel und der Notwendigkeit. Dort kann man eine verblüffende Entdeckung machen: Das paradoxe Wesen der Kunst ist das Staunen über ihre Leistung.

Und der Leser hat etwas gelernt: Die Kunst, die kontroverse Inhalte behandelt, ohne selbst kontrovers zu sein, verwandelt sich in eine triebhafte, staubgepuderte, schlau getarnte, Selbstvergessenheit.

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Matko PeićMatko Peić (1923 – 1999)

 

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* aus dem Buch „Architektur der Zerbröselung“ (Erscheinungstermin vsl. Herbs 2015)

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