Tag Archives: Kulturmacht

Deutsch-amerikanische Verhältnisse

28 Apr

.

1

Die Sprachkaramelle

Im Lokal herrscht festliche Stimmung: Aus dem violett umkränzten Wolkenmeer fällt der erste Frühlingsregen. Auf dem trockenen Bürgersteig rollen die staubigen Regentropfen ineinander und bilden kleine Lachen. Auf der Straße scheint niemand überrascht zu sein, alle haben schon vorgesorgt, packen ihre Regenschirme aus der Tasche oder ziehen papierdünne Regenjacken an. Kinder in wasserdichten Overalls platschen von Regenlache zu Regenlache. Über die Stadt spannt sich ein Regenbogen. Dann stürmen von irgendwoher drei durchnässte Amerikaner in das Lokal: großgewachsen, breitschultrig. Von den wirr gekämmten Haaren tropft das Wasser, um die Schuhe dehnt sich eine unentschlossene, dunkle Wasserpfütze aus. Sie nehmen an einem kleinen Tisch in der Ecke Platz und machen ihn sogleich zum akustischen Zentrum des Lokals. Witze, Lacher, Handyfotos. Dann kommt der Kaffee und ein Gespräch beginnt.

Im Café wird währenddessen in aller Unschuld und mit fest verklebter Aufmerksamkeit gelauscht. Denn durch die Atemwege der Männer gurgelt der hypnotische Zauber der englischen Sprache. Die wohlbekannten Laute scheinen sich von einer klebrigen, harzigen Masse nicht lösen zu können. Sie dringt auch in unsere Ohren, wo sie weitergezogen und nachgekaut wird. Auch die Blicke wandern immer wieder zu der amerikanischen Gesellschaft. Wenn das Gurgeln höher ertönt, verzieht eine grauhaarige Dame mit Eulenaugen den Mund zu einem ironischen Lächeln und lässt ihr Buch sinken. Ein gekrümmter, grauhäutiger Lehrer muss die Nase putzen und kehrt danach nicht mehr zu seiner Zeitungslektüre zurück. Der Sprachspieler greift vergeblich nach seinem Skizzenbuch: Auch im gedankenabweisenden Linienkosmos ist keine Rettung zu finden.

.

Im Staub rollende Regentropfen, Frühling und die einverleibte Konditionierung einer fest verklebten Aufmerksamkeit. Eine harzige Sprache, die aus gurgelnden amerikanischen Bronchien unerbittlich in unsere Ohren ausgeschieden wird. Vergeblich starren wir in Bücher und Zeitschriften, vergeblich bemühen wir uns um einen small talk – die Ohren kommen einfach nicht zur Ruhe. Denn wir wurden unser Leben lang auf das Amerikanische getrimmt und trainiert.

.

Während seiner gesamten Jugendzeit hat der Sprachspieler – zusammen mit seiner ganzen Generation diese zähe amerikanische Sprachkaramelle vergnügt und aufmerksam geleckt und gelutscht. Nach jedem Kinobesuch hat man Sprachspiele mit dem Gurgel-Englisch veranstaltet und versucht, all diese verrückten, sympathischen Schreihälse und Jongleure der Popkultur, das heißt der amerikanischen »Unterhaltungsindustrie«, so gut wie möglich nachzuahmen. … Entertainment industry …! Die Tatsache, dass es eine solche Industrie – in Osteuropa das Synonym für Langeweile und Fließbandarbeit – überhaupt gab, war schon ungemein cool. … Ja, so waren die Zeiten.

Mittlerweile hat der erste Frühlingsregen aufgehört. Das golden und violett umkränzte Wolkenmeer hat sich ausgetobt und ist samt dem Regenbogen weitergezogen. Die amerikanische Tischgesellschaft steht auf und geht. Die graue Eule nimmt ihr Buch wieder in die Hand, der graubackige Lehrer blättert weiter in seiner Zeitung. Die breiten amerikanischen Schultern gehen allmählich im dichten, nassglänzenden Strom der Passanten unter. … Sind wir tatsächlich so gründlich amerikanisiert? Dem Sprachspieler tut die amerikanische Gesellschaft irgendwie leid, so wie es einem leid tut, wenn man entdeckt, dass das lustige Bilderbuch aus der Kindheit im Keller Schimmelflecken bekommen hat.

.

2

Der Brief

Ähnlich muss es der Generation meiner kroatischen Großeltern ergangen sein. Für sie war die deutsche Sprache die in ihrer Jugend weithin verbreitete, kulturprägende »Bildungssprache«. Die deutsche Kultur galt ihnen als Vorbild und bedeutete für sie die Hoffnung auf ein »besseres Leben«. Heutzutage wird das Deutsche außerhalb des akademischen Fachbetriebs fast nur noch von Hotelangestellten und Touristikgastronomen gesprochen, die damit knallharte wirtschaftliche Interessen verfolgen – genau so, wie die in der Schweiz, in Deutschland oder Österreich lebenden Urenkel der vergreisten kroatischen Germanophilen. Selbst in den adriatischen Ferienorten wird die deutsche Sprache allmählich vom Tschechischen, Slowakischen und Ungarischen verdrängt (auch weil die deutschen Touristen meistens gut und gern Englisch sprechen). Überhaupt, die Zeiten der begeisterten Germanisten aus Zagreb vom Format eines Viktor Žmegač scheinen endgültig vorbei zu sein. … Deutsch-amerikanische Verhältnisse … – eine planetarische, beinahe bizarr erfolgreiche, zu wirtschaftlicher Bodenständigkeit verkommene Kultur hier, eine zu einer ungeheuren Militärinfrastruktur geschrumpfte Kulturmacht dort.

Dann wird alles allmählich klarer! – im Bewusstsein des Sprachspielers zeichnet sich eine Lösung für seine deutschen Freunde und ihre aus der Mode und aus der Übung gekommene Kultur ab. Alles lichtet sich und wird hurtig und ganz ohne Anstrengung aufgeschrieben, die Gedanken eilen – von einer seit Generationen angestauten Adaptionsenergie getrieben – wie von selbst zum Papier: Es gibt einen Ausweg, es gibt Hoffnung! Hier, liebe Freunde, lest die von eurem Sprachspieler verbriefte frohe Botschaft – lest seinen Brief und verbreitet ihn, denn er enthält die unverhoffte Lösung für euer Problem des Deutschseins!

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

.

Werbeanzeigen
%d Bloggern gefällt das: