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Die Kunst des Samplings

17 Aug

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Oliver Prechtl „Ritornell“

PLP

Eine musikalische Architektur der Zerbröselung*

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Wehe uns, die einen Abstand zu unserer so maßlos überhitzten Welt suchen! Wehe dem Künstler, der im Kochkessel unserer Reizneurosen nicht mitbaden will! Eine gähnende Langeweile, vor der alle Welt panische Angst zu haben scheint, droht auch seine Kunst zu verschlingen. Und tatsächlich: Was soll der Künstler jetzt – da arbeitslos – machen? Ist er etwa frei geworden, darf er jetzt tun, was er will? Das kann nicht sein, das klingt irgendwie viel zu einfach, ja ein bisschen pubertär, und es hört sich irgendwie altbacken an – hat man nicht schon unzählige Male vergeblich die Welt verlassen (wollen)? Trotzdem – Langeweile als Schicksal? Wie eine kunstvolle Tarnkappe thront sie über unserer senilen Kindsköpfigkeit, mit der wir dem Klang der Welt lauschen. Denn allein aus der Perspektive eines Gähnenden scheint alles noch »interessant«, »spannend«, »aufregend«, gar möglich zu sein.

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Es ist das »postmoderne« – ja, diesen Begriff haben wir lange nicht mehr gehört – Spiel mit Identitäten, das uns den Spaß am Kunstspiel verdorben hat. Aussuchen, ausschneiden, kombinieren, montieren, festkleben. Spielen und das Neue provozieren. Es ist eine ausgefeilte, feingetunte Wahrnehmungsmechanik, mit der wir immerwährend »neue« Bedeutungen aus dem Inventar unserer müden Kultur herauszureizen versuchen. … Freilich, mit diesem artistischen Kunstspiel wird nicht mehr eine verkrustete Weltanschauung herausgefordert – denn längst leben wir in einer rastlosen, von Handlungsdurst geplagten what‘s-next?-Kultur (1) –, sondern, neben unserer Geduld, höchstens noch unsere Ausdau- er, mit der wir unsere Spielgelüste verzweifelt vom Gewöhnlichen abzugrenzen suchen. In Wirklichkeit wissen wir nicht, was wir machen. Denn wir haben die Fähigkeit eingebüßt, das Spiel von der Notwendigkeit in unserer Kunst zu unterscheiden. Wollen wir spielen, rätseln wir, ob unsere Kunst gesellschaftlich relevant sei, denn der Künstler ahnt, dass das Spiel ohne das Bedürfnis einer »Botschaft«, die es »notwendig« macht, eine Sackgasse ist. Machen wir Kunst oder haben wir bloß Angst vor dem gähnenden Ra- chen der Langeweile? Basteln und werkeln wir an unseren Werken bloß, weil wir gerade nichts Besseres zu tun haben?

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»Die Mode ist jeder Vergangenheit Zeitgenosse.« (2)

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Die Collage ist das älteste Spiel mit den Identitäten der Dinge. In ihr wird das aus Altem frisch gebastelte »Neue«, das bekanntlich das Knochengerüst der Mode ist, tatsächlich jeder Vergangenheit Zeitgenosse. Kunstvolle Kontextverschiebungen, Verzerrungen; in- einander kopierte Stimmungen, Stimmen, Bilder, Klänge verwan- deln sich mit der Technik der Collage in wundersame Aussagen, die Teil einer scheinbar unendlichen, neuartigen, alles versprechenden Deutungskombinatorik wurden. Wie wir wissen, schien die Welt dadurch von einer bleiernen Eindeutigkeit zunächst tat- sächlich befreit zu werden. Erinnern wir uns nur der Meisterwerke der Malerei oder der Filmkunst (z. B. von Picasso oder Joseph Cornell)! Bekanntlich ist die letze Stufe derartiger »Befreiung« – wenn alle Puzzlebilder der Collagekunst durchmischt und sämtliche Deutungsrechte veräußert sind – die Beliebigkeit. »Es steht nicht mehr ein ganzer Mensch einer ganzen Welt gegenüber, sondern ein menschliches Etwas bewegt sich in einer allgemeinen Nährflüssigkeit.« (3) Sampling ist somit nicht nur die weitverbreitete und von Künstlern und Musikenthusiasten bevorzugte Arbeitsmethode, sondern längst unser Schicksal geworden. So nimmt die Collagekunst, die unaufhörlich um das »Neue« würfeln muss, an dem Lebenden die Rechte der Leiche wahr. (4)

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Und jetzt?

»We defy augury.« (5)

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Auch die hier versammelten Collagestücke recyceln die fossile Energie einer Klangwelt, die unter dem ungeheueren Druck einer morbiden Belanglosigkeit der modernen Welt zu einer »allgemeinen Nährflüssigkeit« gepresst wurde. Oliver Prechtl, der stille Held unserer kleinen gesellschaftskritischen Erzählung, versucht aller- dings mithilfe einer geschulten künstlerischen Dringlichkeit, eine umgekehrte Richtung einzuschlagen: Und tatsächlich – aus dem fossilen Energiebrei von Musik, Klang, Stimme … entstehen wieder »feste« Klangkörper. Das Wundersame dieser Kunst ist, dass sie ihre solide, voluminöse Klangplastik paradoxerweise mit der Technik einer musikalischen Zerbröselung modelliert! Es ist eine theatralische, komödiantische, manchmal paranoide, an die Szenen einer filmischen Verfolgungsjagd erinnernde und manchmal melancholisch in klaustrophobische Stimmungen einer kupferwarmen Erinnerung verwebte Verfremdung des Materials, die hier am Werk ist. Die musikalischen Festkörper bilden sich aus den Ahnungen eines organischen Wachstumsprozesses, der die Tarnkappe der Langeweile – die Überraschung kann nicht größer sein – durch ein kunstvolles, artistisches Gähngeräusch zum Verschwinden bringt.

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Sampling als Schicksal, die Notwendigkeit des Spielens und eine paradoxe Kunst, indem der Künstler zum Baumeister einer musikalischen Architektur der Zerbröselung ernannt wird.

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© Željko Božičević 2014

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Ritornell
Oliver Prechtl
Schallplattenproduktion 2015

Mastering: Ralv Milberg
Bild: „Privatweg“ von Maria Gideon
* Text Innenhülle: Željko Božičević
Lektorat: Marion Schäuble
Grafische Gestaltung: Volker Kühn
Konzeption und Produktion: Oliver Prechtl

Im Internet: Klangprofile

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1) Vergleiche Željko Božičević, Die Kunst des unbeschwerten Entsagens, Stuttgart 2013, S. 50. 2) Walter Benjamin, Das Passagen-Werk, Frankfurt am Main 1982, S. 1243. 3) Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, Hamburg 1952, S. 217. 4) Bei Benjamin [ebd., Band V-1, S. 51] ist es die Mode: »An dem Lebenden nimmt sie die Rechte der Leiche wahr«. 5) William Shakespeare, Hamlet, London 1996, S. 195.

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