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Reisetheater

19 Jul

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Punat, Rijeka, Ljubljana, Salzburg, Stuttgart. Die Reise als wundersame Raumfaltungen eines bühnenlosen Tanztheaters. Die bunten Menschenflüsse; mit schwerem Gepäck beladene Körperkolonnen aus durstigen Zeitjägern. Malzige Luft, Bruthitze. Durch den zähen Kupferteig des Sommers schmelzen die blechernen Raupenleiber des Fernverkehrs fortlaufend dahin; unwiderruflich verschwinden sie vor unseren Augen in die zentralperspektivischen Einöden des Schienen- und Straßennetzes. Alles dreht sich in der scharfschattigen Tanzfantastik, wild wirbeln Dampfwolken aus der schwer atmenden Maschine des sommerlichen Reisetheaters:

Wir träumen, wir erinnern uns, wir sind dort, wo unsere Gedanken sind. Und selbst wenn sie uns Ruhe geben: Brav durchwandern unsere Körper Häfen, Bus- und Bahnhöfe, Taxistellen und Parkplätze; geduldig passieren sie Land- und Schnellstraßen, Viadukte, Brücken und Tunnels, ganz so, als ob sie heimlich, in ihrer animalischen Ehre verletzt, einen schlaflosen Traum vortäuschen wollten … Dann endlich sammeln sich die Raumsplitter der Aufmerksamkeit und man wird rechtzeitig wach, um nach Hause zu kommen:

Mit klebrigen Augen verfolgt der Heimreisende die breit gähnenden, in die tiefe Taubheit des glühenden Abendlichts versunkenen Straßenkreuzungen der Vororte mit ihren kubistisch verstellten Landschaften. Die verzerrten Würfelformen der unzähligen Kleinbetriebe, Verwaltungsgebäude, Produktionshallen und Umschlagrampen strecken sich am Gleisrand aus wie aus Versehen umgeworfene Pappschachteltürme. Eine bunte, herzlose Lebendigkeit aus tausenden unwiderruflich aufgeschnürter und jetzt überall herumliegender, schwerfällig gewordener Dringlichkeiten. Erst wenn der Zug wegen der großen Bauarbeiten auf der Strecke im Schritttempo fahren muss, ändert sich die Optik. Die Filmrolle der grauen Würfellandschaft bricht ab, und dem Betrachter zeigt sich die Fraktalpracht unzähliger Raumimprovisationen: Schuppen, Abstellräume, Überdachungen, Gestrüpphöfe, Wiesen- und Gartenreste, herumliegende Plastiktische und Bierbänke, enge Sackgassen und aufgegebene Wegabschnitte, die den architektonischen Narben der Industrie eine lustige Sinnlichkeit verleihen.

Dann endlich, mit unzähligen Treppengassen durchzogen: die vertraute Hügellandschaft der schwäbischen Hauptstadt.

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Und erst hier zeigen die unaufhörlichen Tanzdrehungen des sommerlichen Reisetheaters die gedankenabweisende Wirkung: Die Welt steht still, eingekapselt in der mürben Schale der städtischen Abgeschiedenheit! Der heimkehrende, nun hellwach gewordene Sprachspieler dreht sich dagegen weiter und wird unverhofft zum Avantgardetänzer! – zum raumfaltenden, dadaistischen Kunst-Derwisch, der den prächtigen Nonsens seines geliehenen Heimischseins mit der Entschiedenheit eines Gefängnisflüchtlings in die Tat umsetzen will.

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Alles wird wieder gut:

Die Choreografie der spätnachmittäglichen Schattenschrift und der matte Glanz der Baumkronen im städtischen Dunst des Hochsommers. Der Wind – eine offene Wunde im heißen Körper der gläsernen Luft; die Geräusche versinken im Klarharz der stummen Gluthitze und werden sofort übertönt, wie klanglose Träume eines tauben Bettlers.

Und alles ist schon gut.

Sogar die glühende Asphaltschale der schwäbischen Kesselstadt, deren eitrige Häuserleiber schwer auf dem feuchten Rücken der schwarzen Kellerluft liegen. Der Heimkehrende schaut jetzt alles mit anderen Augen an: die bleigrauen Tauben um die faulenden Lungen der überfüllten Mülleimer, die glühenden Knochen der arbeitslosen Kräne über den Flachdächern, die wie kunstvoll plastinierte Überreste einer unerbittlichen Wächtergarde aussehen. Selbst tot, scheinen sie einer vergessenen eisernen Tempelreligion zu dienen. … Metallisch glänzende Jalousien und frei atmende Balkonpflanzen in ihrer höhnischen Frische: Alles ist zugleich unwiderruflich krank und vergeblich gesund. »Ach«, möchte man laut aufseufzen, »die Stadt!« – und alles ist halb so schlimm – sie ist für den neugebackenen, tanzlustigen Kunst-Derwisch bloß eine flimmernde Fata Morgana eines weit hinter dem Horizont brennenden Theaterlagers; eine matte, folgenlose Traumregung auf der steinernen Warte des Sommers.

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